Walter Ludin

Wer Koran/Bibel kopflos zitiert, richtet Schaden an (Al Imfeld)

Zitate des Korans/der Bibel zerstören die Religion
Al Imfeld entwickelt auf der Internetplattform Infosperber die These: Das Zeitalter der Wörtlichkeit ist vorbei. Wir müssen uns mehr zwischen Mythen und Historie bewegen. Die Offenbarung geht weiter. Hier der erste Teil seines höchst bemerkenswerten Artikels:
Man wirft in religiösen Kreisen des Christentums und des Islam mit isolierten Schriftzitaten vom AT (Altes Testament) bis zum NT (Neues Testament) oder mit verkürzten Suren aus dem Koran ohne jeglichen Kontext zur Gesamtlage um sich, d.h. man zitiert ohne jeglichen Zusammenhang; man zitiert so, als ob man aus einem voluminösen Rechtsbuch Paragraphen in Erinnerung rufen wollte. Jeder juristisch geschulte Mensch weiss, je mehr Paragraphen desto eher eine Chance zu einem Gesetz ein anderes Gesetz zu finden, welches das erste modifiziert oder gar ins Gegenteil wendet.
Mit reiner Zitatentheologie kommen wir nicht weiter
Bis ins hohe Mittelalter ging es bei beiden Weltreligionen primär nicht um einzelne Verse sondern um Geschichten, sei es biblische Geschichten oder seien es Hadithe. Beide Gattungen sind mehr Bilder als Begriffe, sind Illustrationen oder Konkretisierung in einem bestimmten Zusammenhang von einzelnen Versen oder Hadithe.
Mit einer reinen Zitatentheologie kommen wir weder in der Vertiefung noch im Verständnis weiter, sondern bringen Religion in den Bereich der Punktualisierung (Tüpflischiesserei) und werfen das Essentielle atomisiert durcheinander. Bibelsprüche genauso wie Koranzitate zerstören Religion.
Hermeneutik und Exegese
Bevor ich weiter gehe, müssen zwei Begriffe geklärt werden, denn um diese geht es letztlich.
Hermeneutik entspringt dem Altgriechischen und bedeutet die Theorie von Interpretation von Texten und über das Verständnis von Texten. Alle Texte bestehen aus Zeichen und Symbolen, in die Sinn oder Bedeutung eingegangen ist. Hermeneutik wird in Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft, Literaturwissenschaft und Sozialanalysen angewendet.
Exegese betrifft Hermeneutik im sakralen Bereich; es handelt sich um das Auslegen Heiliger Schriften. Es geht dabei um die ernsthafte Suche nach einem stets neuem Verständnis der originalen Quellen. Unter Exegese wird also die Suche nach dem damaligen Verständnis des Texts und/oder der Worte und deren heutiger Auslegung verstanden. Im christlichen Bereich führten evangelische Theologen diesen Bereich radikal weiter, etwa bis zur Entmythologisierung des Neuen Testaments von Rudolf Bultmann (1884-1976). Im Islam findet Koran-Exegese erst zögernd Eingang.
Einige erhellende Thesen zur Schriftauslegung des Korans heute
Es betrifft die heiligen Schriften beider Weltreligionen Christentum und Islam. In den Thesen wird im Kommenden kaum differenziert, denn es geht primär um ein allgemeines neues Verständnis, welches in die heutige Zeit passt und Sinn ergibt.

Selbst wenn der Text direkt von Gott geoffenbart sein soll, darf und muss gefragt werden: welche Sprache spricht oder peilt der Offenbarer an? Sprach Gott Aramäisch oder Hebräisch zu Moses und den Propheten? Welche Sprache benutzte Jesus? War es Aramäisch? Genauso bei Mohammed. Passte dieser Überbringer Gabriel die Sprache Mohammed an? Woher kommen die vielen Parsi-Einflüsse im Koran?
Prinzipiell hat der Islam recht, wenn er fordert, dass der Urkoran nicht übersetzt werden kann und darf. Mit jeder Übersetzung tritt der ursprüngliche Text aus dem Ort der Offenbarung heraus und trifft auf ein anderes Gott- oder Offenbarungsverständnis. Zudem gibt es keine eins zu eins Übersetzung; jede Übersetzung ist bereits eine Deutung und Weiterführung der sogenannten Offenbarung. Selbst wenn andere Völker mit einer anderen Muttersprache den Koran einfach auswendig lernen, erweitern sie den Koran. Nur Imame oder Theologen (meist stark juristische geprägt) halten daher an einer Versteinerung fest. Solche Fixationen führen zu Fundamentalismus und Absurditäten. Vor allem auch deshalb werden Koranverse zu magischen Formeln.

Fortsetzung folgt.

3. Januar 2015 | 01:17
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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