Walter Ludin

Advent: Stimmung ohne Inhalt

«In Salzburg tobt der Advent.» Dies sagte der Alt-Abt der dortigen Benediktinerabtei St. Peter. Die Aussage gilt wohl auch für Luzern: «In Luzern tobt der Advent.» Mit diesem Toben sind die sehr vielen äussern Aktivitäten der adventlichen Tage gemeint:

die Weihnachtsmärkte, von denen es in unserer Stadt etwa ein halbes Dutzend gibt;
die Menschen, die von Geschäft zu Geschäft rennen, um Einkäufe zu tätigen;
die unzähligen so genannten Weihnachtsessen us..

Dies alles ist gut und recht. Aber gilt hier nicht auch die Feststellung, welche der in Luzern wohnende Theologie Fulbert Steffensky gemacht hat: An Weihnachten geht es um Atmosphäre, um Stimmungen. Der Inhalt des Festes jedoch wird vergessen.
Nebenbei:  Atmosphäre statt Inhalt: Dazu schreibt auch Sepp Riedener in der Luzerner GasseZiitig. Die meisten von uns haben in diesen Gelegenheit, ein Exemplar auf der Strasse  zu kaufen.
Nochmals: Ich habe nichts gegen die adventliche Stimmung mit den Weihnachtsmärkten, den Lichterketten und dem Guetzli-Backen. Aber vergessen wir den tieferen Sinn dieser Wochen nicht.
Gestern hat ein Freund von mir während des Essens für Geschäftspartner, Verwandte und Freunde es gewagt, den Inhalt des Advents anzusprechen. Er ging von der Jesaja-Verheissung aus: «Das Volk, das im Finstern sitzt, sieht ein grosses Licht. Denen, die im Land des Todesschatten sitzen, geht ein Licht auf.«
Ja, liebe Gläubige, diese Verheissung ist gerade im Jahr 2014 sehr wichtig. Es gibt ja nicht nur ein Volk, das im Finstern sitzt; sondern viele Völker, etwa in Syrien, im Irak, in Afghanistan, in Nigeria, im Gaza-Streifen, um nur die wichtigsten zu nennen. Hier sitzen unzählige, ja Millionen von Menschen buchstäblich im Schatten des Todes.»
Sie alle warten darauf, dass ihnen ein Licht aufscheint: das Licht des Friedens, der Versöhnung und der Gerechtigkeit.
Wenn wir die Botschaft Jesu ernst nehmen, leisten wir einen Beitrag dazu, dass ein solches Licht aufgeht. Es ist u.a. die Einladung, Konflikte nicht mit Gewalt, sondern gewaltfrei, mit dem Einsatz für Gerechtigkeit zu lösen.
Ich weiss: Ein Blick in die Welt – vor allem in das verrückte Jahr 2014 – könnte uns mutlos machen. Denn seit Ende des 2. Weltkrieges gab es wohl kein Jahr mit so viel Gewalt und Hass, Krieg und Unterdrückung. Die Versuchung ist gross, zu resignieren: «Man kann doch nichts machen.»
Doch die Bibel, das Alte wie das Neue Testament, sind voll von Verheissungen; von Verheissung, dass eine andere, eine bessere Welt möglich ist. Aber diese ist nicht gratis zu haben.
Und vergessen wir nicht: Gott lädt uns ein, seine Werkzeuge zu sein; in der Kraft seines Geist an einer friedlicheren, gerechteren Welt zu bauen.
Und: Wir dürfen nicht erwarten, dass Gott selber seinen Frieden schenkt, während wir doch einiges tun, damit Kriege geführt werden können. Konkret: Die Volksvertreter, die wir gewählt haben, wehren sich vehement dagegen, dass die Ausfuhr von Waffen begrenzt wird. So kommt es, dass selbst in Syrien Schweizer Waffen eingesetzt werden.
Das geht doch nicht auf: um den Frieden beten und Waffen liefern in Gebiete, in denen Menschenrechte verletzt werden. –
Der Inhalt der Adventszeit lautet bekanntlich schlicht und einfach ausgedrückt: Vorbereitung auf Weihnachten: auf Weihnachten, das Fest der Hoffnung und der Menschlichkeit.
Darum die Einladung: Lassen wir uns anstecken von der Botschaft des Evangeliums: Evangelium heisst ja bekanntlich: Frohbotschaft. Diese will uns ermutigen, nicht depressiv zu werden angesichts der Weltlage. Sondern Schritte der Hoffnung zu wagen; zu etwas mehr Menschlichkeit beizutragen. Zum Beispiel durch einen mitmenschlichen Umgang mit Asylsuchenden, die wegen Krieg und Elend aus ihrer Heimat fliehen mussten.
Wenn wir das tun, ist der Advent mehr als eine Zeit der Stimmung ohne Inhalt.
Kloster Gerlisberg, Luzern, Sonntag 17 Uhr

13. Dezember 2014 | 16:18
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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