Hat der Papst gebetet?
«Durfte Brandt knien?» Wer im Dezember 1970 auf dem Titelblatt des «Spiegels» diese Frage sah mit dem Bild von Willy Brandt, der vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos kniete, wird sie nie vergessen. Seit vorgestern könnte man die Frage umformulieren: «Durfte der Papst beten?»
Als Papst Franziskus in der Blauen Moschee von Istanbul mit geschlossenen Augen da stand, dachten wohl alle Anwesenden, er bete. Halt, stimmt nicht, warf der Vatikan ein. Schon zwei Wochen vorher stellte der Vatikansprecher prophylaktisch fest: «Es ist klar, dass man bei einem Christen in einer Moschee nicht von einem formalen Gebet sprechen kann.»
Der Papst selbst erzählte auf seinem Rückflug, er habe für die Türkei und den Frieden gebetet. Also doch!
Das Ganze erinnert mich an eine Anekdote aus der Zeit der Rassentrennung in den USA. Der Sakristan einer nur für Weisse bestimmten Kirche sieht darin einen Schwarzen. Dieser sagt, als man ihn wegweisen wollte, er sei zum Putzen hier. Die Antwort des Weissen: «Wehe, wenn ich dich beim Beten erwische!»
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