Ein kulturell schwacher Katholizismus
Der Schweizer Katholizismus zu Konzilsbeginn, Teil 4:Bis in die Konzilszeit hinein ist der Schweizer Katholizismus vor allem als politische und gesellschaftliche Kraft in Erscheinung getreten. Eine Folge davon war, dass «das Gesellschaftlich-Politische» die geistige Haltung des schweizerischen Katholizismus geformt hat. Das zeigte sich vor allem in religiöser und kultureller Hinsicht.Zum einen erwiesen sich die gesellschaftlichen Vorstellungen stärker als die religiösen Inhalte. «Der Unterschied zwischen getauft und ungetauft tritt gegenüber dem gesellschaftlichen Begriff der ‹Konfession› zurück; das Wort ‹Katholik› bedeutet in der Umgangssprache nicht in erster Linie einen Gläubigen, sondern einen, der gesellschaftlich zum katholischen Volksteil gehört, ‹praktiziert› und in den katholischen Organisationen mitmacht» (33). Katholisch-Sein bedeutete deshalb zunächst auch Anpassung an das katholische Grossmilieu. In diesem Milieukatholizismus wurde «die kirchliche Glaubens- und Sittenlehre gewissermassen ‹fertig verpackt› dargeboten, unter Betonung der Autorität der Kirche» (35). Daher ging vergessen, «dass es auch für die kirchliche Autorität Fragen gibt, deren Lösung sie erst suchen muss und für deren Lösung sie die Mitwirkung und das Gebet aller Gläubigen braucht» (35).In kultureller Hinsicht fühlten sich die Katholiken wenig wahrgenommen und auch wenig ernst genommen: «catholica non leguntur – Katholisches wird nicht gelesen». Sie warteten aber auch kaum mit besonderen kulturellen Leistungen auf. Wohl gab es keine akute Krise, «keine schreienden Missstände, aber auch keine tiefgreifende geistige Bewegung im guten Sinn, also keine lebhafte geistige Auseinandersetzung, kein die Gemüter erregender Aufbruch zu neuem schöpferischem Tun» (21). Das galt auch für die Alltagskultur. «Die soziale Rückständigkeit einiger katholischer Kantone hat sich auch auf dem Gebiet des Schulwesens nachteilig ausgewirkt» (40).Um eine Besserung der Situation zu erreichen, empfiehlt der Bericht, den Sinn für die Arbeit einer geistigen Elite zu vertiefen und ihrem Einsatz mit Wohlwollen zu begegnen. Ermahnt wird besonders der Klerus: «Das Verständnis für den seelsorgerlichen Wert christlicher Kulturarbeit ist vor allem auch im Klerus zu wecken» (61).(Rolf Weibel / Bericht der Kommission «Klerus und Laien» vom 19. Mai 1957)
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