Walter Ludin

Jesus sprach nicht vom «Gehorsam»

«Kindlichen Gehorsam» gegenüber dem «Heiligen Vater», hat Johannes Paul II. gefordert. Und der «Ungehorsam» von Reformchristen ist für Rechtskatholische ein Skandal. Doch wie steht Jesus zum Gehorsam. Mein Mitbruder Niklaus Kuster hat am Ordenstag (Mittwoch, 10. September) darauf hingewiesen, dass Jesus nie von Gehorsam sprach:

«Ein waches Ohr und ein waches Auge kennzeichnet die Nachfolge Jesu. Erstaunlicherweise spricht Jesus in den Evangelien nie von Gehorsam. Gehorsam ist das Thema des Apostels Paulus – und damit nicht wirklich ein «evangelischer Rat»! Thomas von Aquin hat sich denn auch schwer getan, das zweite Gelübde in der Trias, die seit 1200 in der Ordensprofess gelobt wird, zu legitimieren.»

Auch mich hat der Hinweis auf Jesus erstaunt. Vielleicht können «Prediger des Gehorsams», die es auch unter unseren Kommentatoren gibt, mir Stellen vorweisen, in denen Jesus von «Gehorsam» spricht…
Niklaus spricht anstelle von «Gehorsam» vom «sensiblen Hören:
Zulassen – wache Augen – sensibles Hören
Sensibles Hören beginnt an mir selbst: (1) die leise Stimme Gottes hören, die in mir spricht und mich lebendig wünscht, aufrecht, ganz Mensch; (2) mich selbst wahrnehmen, meine Bedürfnisse und Gaben spüren, Träume und Realität zulassen, annehmen und gestalten. Es bedeutet dann, mein Leben nicht allein zu leben, sondern (3) mich auf Lebensgemeinschaft einzulassen und gemeinsam unterwegs zu sein – mit allen persönlichen Chancen und Verzichten, die sie mit sich bringt. Sensibles Hören gilt im Sinn des Franziskus und auf den Fussspuren Jesu (4)  jedem Menschen, der mir begegnet. Jede und jeder Mensch wird (5) in einer Familie ohne religiöse, kulturelle und nationale Grenzen zur Schwester und zum Bruder. Vor allem (6) Menschen am Rand, Arme und Einsame – die Lieblingsgeschwister Jesu – sollen dabei erfahren, dass sie gehört und geliebt werden und Geschwister haben. «Gehorsam» im biblischen Sinn will mich schliesslich (7) öffnen für die Geschöpfe, ihre Schönheit und Gefährdung, und für das Lied, das sie für den Schöpfer singen.
 
 

13. September 2014 | 01:09
von Walter Ludin
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