Walter Ludin

Die Kirchen verherrlichten den Krieg

Ein höchst betrübliches Kapitel der neueren Kirchengeschichte ist die Verherrlichung und Rechtfertigung des Krieges durch Prediger und Hierarchen. Für heute sind die damaligen Töne undenkbar. Immerhin in riesiger Fortschritt!
SPIEGEL-online dokumentierte kürzlich einen Beitrag aus dem Jahre 1968, der daran erinnerte, dass nicht nur die staatsgläubige protestantische, sondern auch die vom Staat an den Rand gedrängte katholische Kirche im 1. Weltkrieg kriegsbegeistert war (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45865133.html). Leider kommt darin auch ein Kapuziner vor:
Den Kapuziner-Pater Gaudentius Koch erinnerte Verdun an den Himmel. 1917 verkündete er von einer Tiroler Kanzel: «Was ist eine Fronleichnamsprozession gegen die Aufzüge an den Fronten, was sind alle Glockengeläute und Hochamtsorgeln gegen den Donner der Kanonen und das Krachen der Mörser!
Ein anderes Beispiel:
Der Fürstbischof von Breslau, Adolf Johannes von Bertram, begriff das Sterben an der Front als freudiges Ereignis: «O glücklicher Heldentod eines braven katholischen Soldaten!»
Ähnliche Stimmen gab es auch während des 2. Weltkrieges. Es ist irritierend, wie selbst grosse Geister den Krieg rechtfertigten; zum Beispiel der Jesuit Alfred Delp, einer der grossen Märtyrer der Nazizeit. Bekanntlich wurde er von den Machthabern umgebracht.
Es war für mich eine schwere Enttäuschung, als ich vor Jahren beim Blättern von alten Ausgaben der «Stimmen der Zeit» auf eine ganze Reihe von Artikeln stiess, in denen Delp ganz eindeutig den Russlandfeldzug rechtfertigte. Ich schrieb damals darüber im «Vaterland» einen Beitrag mit etlichen Zitaten. Dies löste – wie wir heute sagen würden – einen Shitstorm aus. Ein Redaktor griff mich in einem längeren Kommentar frontal an. Als ich ihn las, fühlte ich mich als schlechtesten Journalist und fiesesten Menschen aller Zeiten ….
Allerdings hatte ich den Fehler gemacht, dass ich –aus Platzgründen – Delps Verdienste um den Widerstand gegen die Nazis zu wenig würdigte. Ich setzte sie als bekannt voraus. Mein Artikel stand –unausgesprochen – unter dem Motto: Wenn das am grünen Holz geschieht; wenn sogar ein erklärter Gegner Hitlers aus religiösen Gründen einen Krieg rechtfertigt (konkret: Bestrafung der Kommunisten, der Feinde Gottes …)
So unerfreulich die Auseinandersetzung mit diesen Aspekten der Kirchengeschichte ist. So erfreulich ist doch die Feststellung, dass heutzutage Kriegshetze durch Prediger oder Bischöfe in unsern Gegenden völlig unvorstellbar ist.
 

31. Juli 2014 | 01:37
von Walter Ludin
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