Walter Ludin

Tutsi: die «schwarzen Weissen» Ruandas

Lukas Zürcher: Die Schweiz in Ruanda. Mission, Entwicklungshilfe und nationale Selbstbestätigung (1900-1975). Chronos 2014. ISBN-10:3-0340-1205-5. 384 S., ca. Fr. 57.90
Das Massaker, das vor 20 Jahren in Ruanda stattfand, ist noch in allerschlimmster Erinnerung. Schon vorher – 1959 und dann in mehrmals in den 1970er-Jahren – kam es dort zu Kämpfen zwischen der Mehrheit der Hutu und der Minderheit der Tutsi. Lukas Zürcher weist in der vorliegenden Doktorarbeit nach, dass die genetischen Unterschiede zwischen den beiden Völkergruppen minim seien. Die Unterteilung in die beiden «Stämme» sei ein Konstrukt der Kolonialmächte, welche die Schicht der Tutsis gefördert haben.
Als 1962 das Land unabhängig wurde, kamen die Hutus an die Macht. Zürcher kritisiert die katholische Kirche unter der Leitung des Wallisers André Perraudin, Erzbischof von Kabgayi, sich unkritisch an die Seite der Hutus gestellt zu haben. Anhand zahlreicher Dokumente und Interviews weist er nach, dass auch die Schweiz, die Ruanda zum Schwerpunktland gemacht hatte, in den gleichen Fehler verfiel. Schweizer Dokumente, die zum Teil unter kirchlicher Mithilfe verfasst wurden, nennen die Tutsi sogar «Kakerlaken» (ein Begriff, der von der Regierung regelmässig verwendet wurde)!

Das flüssig geschrieben, sehr gut dokumentierte Buch zeigt vor allem, wie unbeholfen die Schweizer Entwicklungshilfe in ihren ersten Jahren agierte.

Zur «Erfindung» der unterschiedlichen Rassen in Ruanda die folgenden Infos von Wikipedia:
In Ruanda lebt ein Volk mit einer gemeinsamen Sprache und Kultur. Die Kolonialmächte, zunächst Deutsche, dann Belgier, beschlossen, durch indirekte Herrschaft zu regieren und wollten keinen eigenen Verwaltungsapparat aufbauen. Sie unterstützten zunächst die herrschenden Eliten der Tutsi und versuchten, sie für ihre Zwecke zu nutzen. Die Kolonialmächte definierten die gesellschaftlichen Kategorien von «Hutu«, «Tutsi" und «Twa" als «Stämme», unterschieden nach rassistischen Kriterien bezüglich des Äusseren und des angeblichen Charakters, sowie nach der Wirtschaftsbasis (Tutsi = Rinderzüchter; Hutu = Bauern; Twa = Jäger/Sammler, Töpfer). Deutsche Forscher (Rassentheoretiker) hatten zum Ende des 19. Jahrhunderts im Geiste der «Rassenkunde» die «hamitische Hypothese" entwickelt und eine vielfältig durchmischte afrikanische Gesellschaft, deren Volksgruppen die Sprache, Sitten und Traditionen teilten, in «Stämme» sortiert: Hier die Minorität der angeblich aus dem Niltal eingewanderten Tutsi, eine hochwüchsige, hellhäutige, blaublütige, hamitische Rasse, dort die autochthone Mehrheit der untersetzten, negroiden, servilen, bäuerlichen Hutu aus der Bantufamilie. Die Hamiten seien die Träger der kulturellen Entwicklung Afrikas gewesen und seien überhaupt eine überlegene «Herrenrasse», so die Hamitentheorie von John Hanning Speke. Diese «Ethnien» oder «Rassen» gehören zu einem Geschichtsmythos, der zu einem wichtigen ideologischen Instrument der Kolonialpolitik wurde. Tutsi, gleichsam zu «schwarzen Weissen» geadelt, wurden im kolonialen Herrschaftssystem privilegiert; sie übernahmen bereitwillig eine Theorie, die ihre Überlegenheit historisch «bewies».

11. Juli 2014 | 01:17
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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