Shoa: Nicht «wo bleibt Gott?» Sondern: Wo bleibt der Mensch?
Als der Papst kürzlich in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem eine Ansprache hielt, fragte er nicht, wie Gott die Shoah zulassen, sondern wie der Mensch sich am Menschen so vergehen konnte.
Unter dieser Einleitung behandelt Jan-Heiner Tück in der NZZ einen wichtigen Aspekt der Gottesfrage:
«Bei seinem Besuch in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem hat Papst Franziskus unlängst eine kurze, aber dichte Meditation vorgetragen. Darin fragt er nach dem Menschen am Ort des Grauens. «Adam, wo bist du?», lässt er Gott fragen. Statt die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts der Leidensgeschichte der Welt aufzuwerfen (Theodizee), lässt der Bergoglio-Papst – in einer signifikanten Umkehrung der Perspektive – Gott die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen angesichts von dessen Untaten stellen (Anthropodizee). Auschwitz ist ihm zunächst und vor allem der Ort der Offenbarung der Unmenschlichkeit des Menschen, daher geht es ihm weniger um den vielbeschworenen Gottesverlust des Menschen als um – sit venia verbo – den Menschenverlust Gottes. In dieser bedrängenden Frage «Adam, wo bist du?» liegt für ihn der ganze Schmerz des Vaters um seinen verlorenen Sohn: «Der Vater kannte das Risiko der Freiheit; er wusste, dass der Sohn verloren gehen könnte (. . .), doch vielleicht konnte nicht einmal der Vater sich einen solchen Fall, einen solchen Abgrund vorstellen.»
Vielleicht – der Papst, der oberste Lehrer der katholischen Kirche, gesteht ein, theologisch unsicheres Gelände zu betreten. Die Shoah sprengt auch für ihn das System der Begriffe, daher riskiert er, vom Schmerz Gottes, ja von Grenzen des göttlichen Vorherwissens zu sprechen. Er fällt damit aus dem Rahmen der philosophisch-theologischen Gotteslehre, für die Apathie und Vorauswissen unveräusserliche Eigenschaften Gottes sind.
Papst Franziskus befasst sich also nicht nur mit einer neuen Praxis des Glaubens. Er wagt es auch, theologisch fragwürdige Vorstellungen aufzugreifen ….
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