Muslime: weniger über sie und mehr mit ihnen reden
Wir sollten weniger über die Muslime reden – und dabei unsere Vorurteile weitergeben. Dafür sollten wir mehr mit Muslimen reden. Das St. Galler Tagblatt tat es. Hier einige Ausschnitte aus einem Interview:
Aliye Gül bekennt sich als einziges Mitglied des Thurgauer Grossen Rats zum islamischen Glauben. Die Romanshornerin mit türkischen Wurzeln wehrt sich gegen das Vorurteil, der Islam unterdrücke die Frauen. Dass Männer Frauen unterdrücken, hänge nicht von der Religion ab.
Was halten Sie von Frauen, die sich hierzulande verschleiern?
Gül: Frauen mit Burka oder Tschador passen nicht zu unserem Lebensstil. In der Schweiz muss sich keine Frau aus religiösen Gründen verschleiern. Wenn sie es doch tut, geschieht es aus Gewohnheit oder weil sie ein Zeichen setzen will. Mit dem Kopftuch hingegen habe ich keine Mühe. Viele moslemische Frauen tragen es aus Tradition als Schmuck oder modisches Accessoire, so wie ich vielleicht einen Hut trage.
Schleier oder Kopftuch deuten also nicht auf eine Unterdrückung der Frau hin?
Gül: Das Tragen eines Ganzkörperschleiers mag in gewissen arabischen Ländern nicht freiwillig geschehen. Aber es liegt nicht am islamischen Glauben, wenn Frauen unterdrückt werden. Im Gegenteil: Eine Sure des Korans widmet sich den Rechten und Pflichten der Frau, eine andere fordert die Männer zum respektvollen Umgang mit ihren Frauen auf.
Sie haben sich im Grossen Rat gegen das Vorurteil der Frauenunterdrückung im Islam gewehrt. Sie sagten, dass Sie als moslemische Frau weder unterdrückt noch geschlagen noch in ihrer Freiheit eingeschränkt würden.
Gül: Genau. Wenn Religion als Unterdrückungsmittel angesehen wird, geht es lediglich um Macht, die Männer über Frauen ausüben wollen. Von Männern unterdrückte Frauen gibt es leider überall, auch hier. Das ist unabhängig von der Religion.
Kritiker sagen, im Islam sei die Politik nicht von der Religion trennbar. Da müssten Sie also nach dem Koran politisieren.
Gül: Die Türkei ist das beste Beispiel für einen islamisch geprägten Staat, in dem Politik und Religion absolut getrennt sind.
Wie erklären Sie sich die hierzulande verbreitete Abwehrhaltung gegenüber dem Islam?
Gül: Mit Nichtwissen und Angst vor dem Unbekannten. Ich bin stolz darauf, hier zu leben und zu politisieren. Aber die Resultate solcher Abstimmungen – dazu gehört auch die ZuwanderungsInitiative – geben mir zu denken. Sie lösen keine Probleme, verursachen aber Unmut und Verunsicherung. Minderheiten mit Verboten auszugrenzen, finde ich unsinnig und beschämend.
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