Der Traum einer un-ge-haltenen Adventspredigt
Ich muss (k)eine Adventspredigt halten
Mir träumte: Am Samstag spät sass ich in einem Pfarreiheim mit einer Gruppe zusammen. Um 22 Uhr erwähnte ich, ich müsste noch die Predigt für den kommenden Vormittag vorbereiten. Aber ich hätte Mühe, etwas zu den biblischen Lesungen zu sagen. Da gab mir jemand den Rat, der wohl jeden Predigtlehrer erzürnen würde: «Dann predigen Sie nicht darüber. Morgen ist ja der 1. Advent. Machen Sie ihn zum Thema.»
Ich entwickelte gleich eine Idee. Ich würde einer der anwesenden Frauen am Anfang der Predigt das Mikrophon übergeben, damit sie erzählt, was der Advent für sie bedeutet. Eine freundliche Dame stellte sich zur Verfügung und fing gleich an: «Advent ist Vorbereitung auf Weihnachten: Ich muss Geschenke einkaufen. Ich muss einen Tannenbaum beschaffen und ihn schmücken. Ich muss das Festessen vorbereiten …»
Ich unterbrach sie: «Kürzlich las ich, man solle nicht ‹Ich muss› sagen, sondern ‹Ich will›. Dann handelt man nicht unter Zwang, sondern als selbständiges Subjekt.»
Nachher wollte ich in meiner Predigt das Wort «Advent» erklären: Es bedeute, «das, was auf uns zukommt». Darum: «Wir müssen unsere Erlösung nicht selber produzieren. Wir dürften offen sein für das Geschenk, das auf uns zukommt.»
Dann erwachte ich. Es war erst Freitag früh und ich wurde mir bewusst, dass ich am kommenden Sonntag ausnahmsweise nicht predigen muss. Es wäre wohl meine 1006. Predigt gewesen (abgesehen von etlichen Kurzansprachen, die ich nicht schriftlich vorbereitet habe). So viele Manuskripte habe ich gezählt, als mir die entsprechende Beige wieder mal unter die Augen kam. Wäre ich hauptamtlicher Seelsorger, wären es gewiss bedeutend mehr.
Doch immerhin! Und was ist aus den bisherigen 1005 Predigten geworden, die ich zum Teil an einem Wochenende drei oder vier Mal hielt? Ein Trost: Letzten Sonntag sagte mir eine Sakristanin, sie würde sich freuen, wenn ich auch nächstes Jahr bei ihnen predigen würde. Meine Predigten seien «nachhaltig».
Ach ja, auf Kreta sagte einer der Touristen zu mir als Ferienseelsorger: «Sie waren schon vor acht Jahren hier. Und haben beim Predigen das gleiche Beispiel erzählt.» Es tönte fast wie ein Vorwurf. Ich nahm es als Kompliment an.
Jetzt, nach dem nächtlichen Traum, erinnerte ich mich daran. Und schlief weiter. Was ich dann träumte, erzähle ich niemandem …
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