Walter Ludin

Das seltsame Postulat der Ausgewogenheit und Objektivität

«Objektiv! Ausgewogen!» Früher, etwa zur Zeit meines Journalistik-Studiums, waren solche Postulate noch öfter zu hören als heute. Doch sie sind nicht verstummt. Wie unausgewogen vermeintliche Ausgewogenheit ist, zeigt Heinz-Manfred Schulz in seinem hier bereits mehrfach zitierten Buch über den «Glaubender Gemeinde»:
«Das Wort Ausgewogenheit oder Einseitigkeit wird auch als Hammer missbraucht, mit dem auf andere Meinungen losgegangen wird, die beunruhigen, in Frage stellen.
Dazu ein Beispiel:

In der Tradition hat die Kirche sich mit der Tatsache des Krieges irgendwie arrangiert. Wer nun in dieser Tradition für Rüstung und Militär eintritt, der hält seine Meinung für ausgewogen. … Wer aber etwa Vorleistungen der Abrüstung verlangt oder Kriegsdienst verweigert, der ist nach dieser Auffassung unausgewogen. Von ihm wird erwartet, dass er zumindest betont, auch die Rüstung und der Wehrdienst seien genau so gut und wichtig. Sonst wird ihm Einseitigkeit vorgeworfen. Man sagt dann auch, er sei politisch – als ob beides nicht auch auf die traditionelle Position zutrifft.»

In der Blütezeit der Objektivitäts- und Ausgewogenheitsdebatte spottete Jean-Luc Godard darüber, in dem er das Postulat aufstellte: «Fünf Minuten für die Juden – fünf Minuten für Hitler!»
Oder es hiess auch: Nach dem Wort zum Sonntag müsse dem Teufel gleich viel Sendezeit eingeräumt werden …

26. September 2013 | 01:41
von Walter Ludin
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