Walter Ludin

Absolute Wahrheit: Gott «besitzen»

Sehr Bedenkenswertes zum Gottesbild äussert die dt. Theologin Johanna Rahner in einem Interview:
 Anders als z. B. Zeus oder Athene entzieht sich der biblische Gott dem menschlichen Zugriff. Niemand kann von sich sagen, auch nicht die Kirche, er oder sie hat das allein wahre oder volle Gottesverständnis. Das ist der Kern des biblischen Gottes-Bilder-Verbotes: Gott ist nicht dazu da, um aus dem «Wissen» um ihn machtvolle Strukturen zu legitimieren. Dieses Verbot ist eine stets kritische Anfrage, ob und wieweit wir uns Gott «greifen», uns seiner bemächtigen oder ihn gar instrumentalisieren. Was ist doch mit dem Bild des strafenden Gottes, mit dem «heiligen Auge», das alles sieht, für Unheil angerichtet worden. Oder mit dem Anspruch, die «ganze Wahrheit» zu haben und diese anderen Menschen oder ganzen Völkern aufzwingen zu müssen. Heisst das, Religionskritiker haben recht, wenn sie sagen, die monotheistischen Religionen mit ihrem «Wahrheitsanspruch» stellen die grösste Gefährdung für Freiheit und Frieden dar? Rahner: Sie haben möglicherweise recht, wenn wir die selbstkritischen Anfragen an uns aus unserem theologischen und kirchlichen Gepäck streichen – das «gefährliche Wissen», dass wir Gott nie im Griff haben; dass «Wahrheit» immer nur ein Ziel ist, dem wir uns annähern können, das wir aber nie in der Tasche haben; dass wir als Kirche vor allem eine Weggemeinschaft sind und keine Besitzgemeinschaft oder dass unsere Gottesbilder nur eine sehr vorläufige Rede begrenzter Menschen darstellen, soweit sie Gott in seiner Offenbarung und in ihrem Leben wahrnehmen können. Ich denke, dieses Wissen hindert uns nicht, unseren Glauben anderen Menschen als befreiende Botschaft vorzulegen, aber es kann uns vor jeder Macht- und Überlegenheitsanmassung bewahren. Insoferne ist es subversiv für alle, die ihre Macht auf den «Besitz von absoluter Wahrheit», auf den «Besitz von Gott» gründen.

30. August 2013 | 01:55
von Walter Ludin
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