Walter Ludin

Ist Gott wirklich gütig und allmächtig?

«Viele nachdenkliche Christen fragen sich, ob Gott wirklich sich um jeden Menschen kümmert …» So beginnt mein Kollege Hartmut Meesmann im Publik-Forum seine Wertung der neuen päpstlichen Enzyklika. Er sieht es als eine verpasste Chance an, dass dort nicht auf solche existentiellen Fragen eingegangen wird.
Doch wie schon oft: Wo das Lehramt am modernen Menschen vorbei theoretisiert, greifen die viel geschmähten Kirchenreformen die Probleme auf, unter denen Zeitgenossen leiden. So zum Beispiel Martha Heizer in ihrem Edito der neuesten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift «Wir-sind-Kirche»:
 
«Wie lässt es sich festhalten an der Überzeugung, dass im Letzten alles schon zum Guten gewendet ist, wenn man nur die Augen aufmachen muss, um rundum viel Schlimmes zu sehen? Wie lässt sich hoffen auf den rettenden Gott, wenn er so oft, so offensichtlich nicht rettet?
Manche meiner Bekannten kommen dem Dilemma aus, weil sie einfach aufgehört haben, an Gottes Allmacht zu glauben. Nach Auschwitz könne doch niemand mehr ernsthaft Gottes Liebe und Gottes Allmacht unter einen Hut bringen. «Wenn Gott wirklich eingreifen und alles zum Guten wenden kann – und er tut’s nicht, dann ist er lieblos, dann kümmert er sich nicht um uns, dann mag ich mit diesem Gott nichts zu tun haben», sagen sie. Und sie reden von der Ohnmacht Gottes und erklären, dass ihnen ein hilfloser, aber mit-leidender Gott sowieso viel lieber sei. Allmachtsphantasien hätten viel zu viel Platz in unserer Gesellschaft, das müsse man nicht auf Gott auch noch übertragen. Gerade in dieser hilflosen, aber mitleidenden Position werde deutlich, wie wir Ebenbilder Gottes sein können.
Mir ist diese Denkweise recht sympathisch. Beweist sie doch, wie sehr diese Menschen hängen an ihrem Gott, wie ernsthaft sie sich bemühen, ihm treu zu bleiben.
Dass sie lieber ihr Bild von ihm ändern, als dass sie den Glauben an ihn aufgeben. Vor allem: dass ihnen Liebe wichtiger ist als Macht.
Nichtsdestotrotz : Ich persönlich kann mich nicht retten in diese Position. Ich habe so oft erfahren, dass Gott wirklich alle Macht hat, dass Gott der einzige ist, der auch in völlig ausweglosen, verzwickten, unlösbaren Situationen alles zum Guten wendet. Er  tut es nicht immer. Damit ist schwierig fertig zu werden. Auch das Modell von Prüfung, Läuterung, Strafe greift viel zu selten, um als befriedigende Erklärung zu gelten. Aber auch wenn Gott nicht immer eingreift: er tut es in meinem Leben immer wieder.
So kann zwar auch ich mit meinem Verstand Gottes Allmacht und Gottes Liebe nicht immer unter einen Hut bringen, aber aus meiner Erfahrung kann ich sie auch nicht trennen.
Es bleibt mir nichts anderes, als mich mit meinem ganzen Unverständnis und Unvermögen fallen zu lassen in die Unbegreiflichkeit. Es gibt Grösseres als uns Menschen.»
Danke, liebe Martha, für diese differenzierten, hilfreichen Überlegungen.

25. Juli 2013 | 01:18
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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