Konzilsblogteam

«Die Armen fühlen sich in der Kirche nicht zuhause, ...

… es wäre besser, man würde den Laden schliessen». Mit so harten Worten habe ein Bischof, dessen Namen M.-Dominique Chenu uns nicht verrät, auf dem Konzil gesprochen. Einen anderen Bischof nennt Chenu beim Namen: Giacomo Kardinal Lercaro (Bologna). Am 6. Dezember 1962 wurde Lercaro zum Sprachrohr der Gruppe «Kirche der Armen». Am Ende der Diskussion über das Kirchenschema, das in der vorliegenden Form längst als überwunden gelten konnte, brachte er eine ganz neue Perspektive ein. Das Kirchenverständnis, ja alles, was das Konzil formuliere, müsse vom Gedanken der Gegenwart Christi in den Armen her bestimmt werden: «Wir werden unserer Aufgabe nicht wirklich gerecht, wenn wir das Geheimnis Christi in den Armen und die Evangelisierung der Armen nicht zum Zentrum, zur Seele der doktrinalen und gesetzgebenden Arbeit dieses Konzils machen. Es darf nicht ein Thema des Konzils unter anderen sein, sondern muss die zentrale Frage werden. Thema dieses Konzils ist die Kirche, insbesondere insofern sie eine Kirche der Armen ist.» (zit. in: Chenu 1977, 233) Lercaro betonte den fundamentalen «Zusammenhang zwischen der Gegenwart Christi in den Armen und den beiden anderen tiefgegründeten Wirklichkeiten des Mysteriums Christi in der Kirche: der Eucharistie und der Hierarchie.» (A 2, 405f). Mit seiner später als prophetisch bezeichneten Rede drückte Lercaro das Unbehagen einer während des Konzils anwachsenden Zahl an Bischöfen aus. Diese störten sich daran, dass das Konzil zwar die grossen Fragen der Welt benannte – Armut, Hunger, Elend, Krieg … –, aber dass diese Themen nicht zum Ausgangspunkt für ein tieferes Nachdenken über die Struktur und das Selbstverständnis der Kirche selbst wurden. Auch wenn die Rede von Lercaro nicht dazu führte, dass das Konzil seine Denkrichtung ganz auf die Armen ausrichtete, so findet sich sein Impuls doch später in vielen Dokumenten des Konzils wieder, genannt seien hier nur GS 1 und LG 8.(ab; Chenu, in: Conc (D) 13 (1977) 232 – 235)

6. Dezember 2012 | 00:03
von Konzilsblogteam
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