Nicht nur Verding/Heimkinder, auch Betagte wurden menschenunwürdig behandelt
In unserer Klasse, in der Mitte der 1950er-Jahre, hatten wir zwei Verdingbuben. Der eine biss einer Maus für ein paar Rappen den Kopf ab, damit er auch einmal Taschengeld hatte. Der andere schied in der Mitte seines Lebens infolge von psychischen Spätfolgen seiner unglücklichen Kindheit freiwillig aus dem Leben.
Kasy Kunz, ein anderer Verdingbub aus unserer Gemeinde, veröffentlichte 1996 über seine Erlebnisse ein Buch –also zu einer Zeit, als das Thema noch nicht en vogue war (»Der Verdingbub»). Bei der Lektüre stellte ich erschüttert fest, dass er einst unserem allseits beliebten Pfarrer seine Nöte offenbarte – und nichts anderes zu hören bekam, als, er müsse halt «folgen» …
Vor einigen Tagen erzählte mir eine alte Frau, wie früher nicht nur die Menschenwürde von Kindern, sondern auch von Alten und Randständigen massiv verletzt wurde. Das Altersheim in einem Aargauer Dorf, in dem sie jetzt lebt, sie dafür berüchtigt gewesen. Als ein «Insasse» – so hiess es damals in den «Anstalten» – sich über das Essen beschwerte, sagte ihm der Heimleiter: «Du bist hier zum Ableben und nicht zum Aufleben.» Anderen «Renitenten» konnte es passieren, dass sie abends um acht vor die Haustüre gestellt wurden.
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