«Auch wenn es weh tut» Erneuerung der Kirche
Mit Beginn der Diskussion um das Kirchenschema biegt die erste Sessio am 1. Dezember in die Zielgerade ein. Bis zum 3. Dezember haben sich die Fronten geklärt, wenn sie – wie Kardinal Ottaviani süffisant unterstellt hatte – nicht schon vorher klar gewesen waren. Zugleich tut sich ein in zweifacher Hinsicht neuer Horizont auf: Man blickt in die Zukunft des Konzils und stellt die Frage: Wie kann dieses Konzil das Profil, das es sich in den vergangenen Monaten gegeben hat, über die Intersessio hinweg erhalten? Dabei ahnt man, dass der Diskussion um das Kirchenschema so etwas wie eine Grundsatzentscheidung zukommt. Zugleich hat man deutlich im Blick, dass für das, was in Rom gesagt und beschlossen wird, zuhause Rechenschaft abzulegen ist. Mit den Kardinälen Léger und Döpfner schalten sich an diesem Tag zwei Schwergewichte in die Diskussion ein. In einer prägnant kurzen Rede mahnt Léger die Verpflichtung des Konzils vor der Geschichte und der ganzen Welt an, die Kirche zu erneuern, auch wenn es weh tut: etsi aliquando dolorosa. Dazu hätten die versammelten Väter im Sinne der Eröffnungsrede Johannes’ XXIII. die Richtung vorgegeben; diese Richtung gelte es auch in den Arbeiten während der Intersessio im Blick zu behalten.
Dafür formuliert Döpfner eine konkrete Agenda: Ein neues Kirchen-Schema solle erarbeitet werden, denn dem jetzigen ermangele es trotz seiner Weitschweifigkeit an einer tragfähigen Grundidee. Die von ihm vorgelegte Kritik rekurriert im Weiteren en gros wie en detail auf die von Karl Rahner vorab erarbeiteten Animadversationes (vgl. A II, 366ff). Für die so differenten Mentalitäten der Konzilsväter stehen indes zwei andere Redner des Tages Pate: Während Bischof Musto von Aquino mit Berufung auf 2 Tim 3,14 selbst in der Peterskirche auf Ketzerjagd geht und allen Neuerern mit der Rache Gottes droht, bekennt sich Bischof Huyghe von Arras zur Schuld der Kirche, die die Menschen von Christus mitunter eher forttreibe statt sie zu ihm zu führen. Noch in Jahrhunderten wird die Kirche sich an den Sätzen messen lassen müssen, die hier und heute ausgearbeitet werden; dem Schema aber fehle es an wahrhaft katholischem Geist; der sei nämlich offen, missionarisch, demütig und dienend.(Johanna Rahner)
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