Walter Ludin

«Jahr des Glaubens»: keine Rückkehr zur perfekten Wahrheit

Bekanntlich soll im «Jahr des Glaubens» der Weltkatechismus studiert werden, damit die Gläubigen wieder die «absolute», genau umschriebene Wahrheit kennenlernen. Johannes Röser hat vor einiger Zeit in «Christ in der Gegenwart» daran erinnert, dass niemand, auch die römische Kirche, nie im Vollbesitz der Wahrheit sein kann. Einige Abschnitte des Artikels:
Einer der gern gelesenen, sehr berührenden, im religiösen Bewusstsein jedoch am stärksten verdrängten biblischen Texte stammt von Paulus, im ersten Korintherbrief: «Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden… Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse… Jetzt erkenne ich unvollkommen…» Im Kirchenleben dagegen tun wir oft so, als ob mit der ein für alle Mal ergangenen Offenbarung in Jesus Christus die religiöse Entwicklung – abgesehen von einigen «kosmetischen» Ergänzungen und deutlicheren Formulierungen – eigentlich abgeschlossen sei. Warum aber ist dann genau dieser bestgesicherte Glaube, der sich in den Katechismen so perfekt darstellt, in eine der grössten Krisen seiner Geschichte geraten? Das genaue Studium des Katechismus, das der Papst für das von ihm ausgerufene «Jahr des Glaubens» dringend nahelegt, soll – so sein Wunsch – Mängeln und Unschärfen, die sich eingeschlichen haben, abhelfen. Die grosse Überlieferung sei wieder in Erinnerung zu rufen. Dem scheinen zahlreiche Restaurationsmassnahmen dienen zu sollen. (…) Unsere Heimat liegt im Himmel – auf Erden in Bruchstücken bereit, die wir stets neu zu einem Mosaik des grösseren Ganzen zusammenzusetzen versuchen, ohne jemals damit fertigzuwerden. Oftmals müssen Teile wieder herausgenommen, umgebaut, vielleicht sogar verworfen werden. Die religiösen Bilder, die wir konstruieren, die uns eingängig erscheinen, erweisen sich allenfalls als Krücken zu Wahrheit hin, nicht als die Wahrheit selber. In engagierter und aufrechter religiöser Bescheidenheit sollten wir uns redlich um Wahrscheinlichkeit mühen, statt grossspurig von der Wahrheit zu reden. Denn es sind doch stets nur menschliche Deutungen und Vermutungen über Gott und Welt, die unsere Ahnen uns durch ihr bewegendes Glaubenszeugnis vorgelegt haben und die wir unseren Nachfahren – hoffentlich mit ähnlicher Tiefe und Ergriffenheit – vorlegen.

3. Mai 2013 | 01:06
von Walter Ludin
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