«Der Tag der Melkiten» und die Einheit der Kirche(n)
Am 27. November 1962 notierte Erzbischof Neophytos Edelby in seinem Tagebuch, dass dies «der Tag der Melkiten» gewesen sei (Ed 142). In den Tagen zuvor erfuhr das Schema der Ostkirchenkommission De Ecclesiae unitate, das der Einheit zwischen der Kirche des Westens und des Ostens gewidmet war, heftige Kritik durch die Melkiten. Als unierte Kirche fühlten sie sich von dem Schema nicht nur mitbetroffen, sondern v.a. auch in ihrer Geschichte und Gestalt falsch verstanden. In Anlehnung an die orthodoxe Ekklesiologie stellten sie deshalb ihre grundsätzliche Position dar, die sie in mehreren aufeinander abgestimmten Redebeiträgen entfalteten. Patriarch Maximos IV Sayegh kam es zu, die grundsätzlichen Bemerkungen vorzutragen, übrigens in französischer Sprache. U.a. bezeichnete er die orientalische Kirche als «in ihren konstitutiven Elementen voll und ganz apostolische, von der Latinität verschiedene Kirche. Es ist eine aus Christus und den Aposteln erstgeborene Kirche. Ihre geschichtliche Entwicklung und Organisation sind das exklusive Werk der Väter, unserer griechischen und orientalischen Väter. Sie verdankt das, was sie ist, dem Apostelkollegium, das im Episkopat in Kollegialität weiterlebt, mit Petrus und seinen besonderen Verantwortungen und Rechten im Zentrum. Historisch verdankt diese Kirche dem römischen Sitz weder ihren Ursprung, noch ihre Riten, noch ihre Organisation, noch irgendetwas von dem, was sie konkret ausmacht […] Kann man die Heiligen Basilius, Gregor, Kyrill, Chrysostomus u.a. als Katholiken zweiten Ranges bezeichnen, weil sie nicht römisch sind […]?» (AS 1/3, 617). Mit der so grundgelegten Argumentation stellte Maximos, gefolgt von den Erzbischöfen Naaba, Edelby und Zoghby ein ganzes Bündel tiefgreifender ekklesiologischer Fragen in den Raum. Diese Fragen betreffen u.a. die Rolle der unierten Kirchen und die Frage nach dem Amt der Bischöfe und dem des Papstes, aber auch das Verhältnis zwischen orthodoxer und katholischer Kirche. Erzbischof Zoghby, der die Begriffe «Quellkirche» (Église source) und «Schwesterkirche» (Église sœur) in die Debatte einbringt (AS 1/3, 641), erörtert diese im Horizont der Trinität und plädiert für «Kirchen, die voneinander unterschieden bleiben, aber in der Kirche vereint sind» (AS 1/3, 642; vgl. auch A 2, 373-385).(Michael Quisinsky)
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