Erwin Koller
Brief an den neuen Papst
(Es geht euch wohl auch so: Langsam hat man genug gelesen/gehört über den «alten» Papst und die Erwartungen/Spekulationen über den «neuen». Dennoch habe ich mit grossem Interesse/Vergnügen gelesen, was Erwin Koller in seinem Brief an den neuen Papst schreibt:)
" ….. Darum, lieber Bischof von Rom: Entfordere Dich! Mach›s wie Dein Vorgänger vor 50 Jahren: «Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig!» Teile Deine Verantwortung, sonst ist Dein Amt unmenschlich. Du hast 200 Kardinäle und über 4000 Bischöfe. Lass sie ihre Kompetenzen, die sie ja nach Recht und Verfassung haben, auch wahrnehmen! Sie sollen Deine Verantwortung für die Weltkirche mittragen. Und vor allem: Gib ihnen den Raum, den sie brauchen, um ihre Kirche in ihrer Kultur zu verankern. Freu Dich, wenn tausend Blumen blühen! Römischer Eintopf, tagtäglich, bekommt uns nicht. Und bestelle dafür die Fähigsten, nicht die Willfährigsten. Dein Vorgänger ist angetreten mit der Devise: Kampf der Diktatur des Relativismus. Doch Hand aufs Herz: Ist in Deinem Amt nicht eine andere Gefahr viel grösser: die Diktatur des Absolutismus?Und dann entstaube Deine Ämter! Man hat in der Kurie zu viel für heilig erklärt. Es mag Dir doch genügen, wenn es menschlich zu und her geht. Schaffe Transparenz! Wem Du Verantwortung gibst, der soll hinstehen für das, was er tut. Und lass Dir nicht von Intriganten alles in die Schuhe schieben. Konzentriere Dich auf das Wesentliche. Als Dein Vorgänger sich bei seinem letzten grossen Gottesdienst Asche aufs Haupt streuen liess, beklagte er die Zerrissenheit der Kirche. Darum höre zu. Schaffe Vertrauen. Baue Brücken. So wirst Du glaubwürdig sein.Und was ist wesentlich? Zuallererst: Du hast ein wunderbares Amt, das Dir Weltöffentlichkeit schafft. So kannst Du einstehen für die Botschaft der Bibel. Du stehst für die ganze Katholische Kirche, und wenn Du es klug machst, noch für viele andere Christen. Und Menschen allüberall werden sich mit Dir identifizieren, vor allem wenn Du sie repräsentierst, etwa so wie die Königin von England. Versuch nicht, auch noch Regierungschef zu sein und höchster Gesetzgeber und oberster Richter. Das ist eine Fehlkonstruktion Deines Amtes und kann Dich nur überfordern. Entschlacke also Deinen Dienst, wirf Ballast ab! Das Raffen nach Macht ist Deinem Amt nie gut bekommen. Geistliche Macht lebt vom Wissen, was nicht in der Macht des Menschen liegt.Schon bald wird Dich der Reformstau einholen, den Deine Vorgänger Dir in einem Dritteljahrhundert hinterlassen haben. Ein Verkehrsstau löst sich häufig auf, wenn alle ein vernünftiges Tempo einschlagen. Also hab ein offenes Ohr für die Reformer und rede vernünftig mit den Ewiggestrigen! Erinnere sie an das, was Jesus sagte, und im übrigen lege ihnen keine unnötigen Bürden auf.»
Danke, lieber Erwin!Volltext: http://www.tagblatt.ch/intern/meinungen/tb-me/TRIBUeNE-Lieber-Bischof-von-Rom-ndash-Brief-an-den-neuen-Papst;art330,3302793
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