Walter Ludin

Verklärung

Paradiesische AugenblickeDas heutige Evangelium ist für mich eines der schönsten, die es überhaupt gibt. Denn es zeigt: Mitten im Alltag können wir ein Stück Himmel erfahren. Diese Aussicht kann uns in schweren Stunden Lebensmut und Hoffnung schenken. Denn: Was damals die Apostel erfahren durften, ist auch für uns möglich. Vor vielen Jahren hörte ich einen eindrücklichen Vortrag des christlich geprägten Zürcher Psychiaters Balthasar Staehelin. Er sprach von den Momenten, in denen die Schranken zwischen Himmel und Erde fallen. Es sind seltene Augenblicke, die vielleicht in jedem Menschenleben zwei oder drei Mal vorkommen. Wenn Sie auf Ihr eigenes Leben zurückblicken, fallen Ihnen hoffentlich Beispiele dafür ein: Momente, in denen Sie masslos glücklich waren, zum Beispiel bei Ihrer ersten grossen Liebe, nach einem erfolgreichen schweren Examen – oder wenn Ihnen eine wichtige Arbeit geglückt war.Wie erwähnt: Solche grossen paradiesischen Augenblicke sind recht selten. Aber ich behaupte: Etwas weniger spektakulären Glücksmomente dürfen wir immer wieder erleben. Wir müssen nur eines: die Voraussetzungen dafür schaffen. Wie kann dies geschehen?So fragte ich mich, als ich bei der Predigtvorbereitung das heutige Evangelium vor mir hatte. Da kam mir plötzlich eine Idee. In den letzten Tagen las ich das neueste Buch eines Freundes, des dt. Pfarrers Roland Breitenbach. Es trägt den Titel: «Achtsam leben, lieben, handeln. Ein spiritueller Begleiter durch das Jahr.» Für jeden der 12 Monate gibt es dort Anregungen für ein geglücktes, erfüllteres Leben. Oder auf unser heutiges Thema angewendet: Wenn wir Rolands Impulse aufnehmen, schaffen wir die Voraussetzungen, dass uns öfters paradiesische Augenblicke geschenkt werden. Ich kann hier nicht alle 12 Anregungen vortragen. Nur eine kleine Auswahl.»«¢ Zuerst ein Thema, das uns zurzeit im Kloster Wesemlin beschäftigt: Wegen der kommenden Renovation müssen wir alle umziehen, müssen aufbrechen, in ein anderes Kloster oder wenigstens in einen andern Flügel des Hauses. So hat mich das Kapitel «Aufbrechen heisst leben» besonders angesprochen. Darin steht der Satz: «Der Aufbruch will sich nicht mit dem Ballast von gestern behindern lassen.» Dazu erzählt Roland eine Geschichte: Ein Mann kommt auf einer beschwerlichen Reise an einen Fluss. Da er keine Brücke findet, baut er sich ein Floss. Nachdem er übergesetzt hatte, liess er das Floss nicht stehen, sondern schleppte es übers Land. Ein Entgegenkommender sagte ihm: «Haben die Dinge unseres Lebens ihren Zweck erfüllt, lassen wir sie dankbar los. Sonst wird die Last zu schwer. (..)Eine zweite Anregung aus Roland Breitenbachs Buch über die Achtsamkeit: eine positive Sicht der Dinge. Auch dazu eine ganz kurze Geschichte: Zwei Kinder erhalten bei einem Fest je einen Luftballon. Während sie draussen damit spielen, macht sich der Ballon eines der Kinder selbständig. Es schreit verzweifelt: «Mein Ballon ist weg.» Das andere Kind lässt seinen Ballon los, hüpft und tanzt und ruft: «Mein Ballon steigt in den Himmel. Wie schön! Mein Ballon steigt in den Himmel.»Ich erlaube mir, die beiden erwähnten Punkte miteinander zu kombinieren. Wir alle, ob Jung oder Alt, mussten im Leben schon vieles loslassen/von manchem Abschied nehmen. Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten:»«¢ Wir können uns bedauern; dem Verlorenen nachtrauern»«¢ Oder wir können das Ganze positiv sehen: Mancher Ballast ist weg. Wir haben Platz für Neues. Wir sind freier, weil wir uns nicht mehr um so vieles kümmern müssen. (…)(Stans St.Klara So 9.30, Pflegeheim 10.40)Rezension des genannten Buches folgt am Montag

24. Februar 2013 | 01:51
von Walter Ludin
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