Konzilsblogteam

«Über die Offenbarung Gottes und des Menschen in Jesus Christus»

Eine Schlüsselfrage zum Verständnis des II. Vatikanischen Konzils lautet: Wie kam es im Prozess der Auseinandersetzung mit den vorliegenden Textentwürfen, die doch weithin im traditionellen Stil verfasst waren, zu Innovationen? Eine entscheidende Rolle kam dabei den Konzilstheologen zu, die in einem ständigen Austausch mit den Konzilsvätern diese behutsam an neuere theologische Sichtweisen heranführten, so dass manche Konzilsteilnehmer unverblümt bekannten, sie hätten während des Konzils einen exzellenten Nachhilfekurs in Theologie absolviert. Die grosse Unzufriedenheit über die vorgelegten Entwürfe der Vorbereitungskommission führte insbesondere bei den französisch- und deutschsprachigen Konzilstheologen dazu, zur Feder zu greifen und eigene Textvorlagen zu verfassen. Als ausgezeichnetes Beispiel eines solchen Entwurfs sei auf den Text «Über die Offenbarung Gottes und des Menschen in Jesus Christus» verwiesen, den Karl Rahner in Verbindung mit Joseph Ratzinger im November 1962 verfasste und an die deutschsprachigen Konzilsväter austeilen liess. Allein der Titel macht die neue Perspektive deutlich: Die Offenbarung Gottes ist keine Einbahnstrasse, sondern in höchstem Mass ein wechselseitiges Geschehen. Darum hat der im Zusammenhang mit dem Konzil so häufig benutzte Begriff des «Dialogs» keine modische Attitüde, sondern einen sehr präzisen und unersetzbaren Sinn. Nur im Dialog geschieht Offenbarung und erschliesst sich die Wahrheit des Glaubens. Im Menschen Jesus von Nazareth wird deutlich, wer Gott ist und wie er handelt und im Blick auf Gott erschliesst sich das Geheimnis des Menschen. Es heisst in diesem Text: Der Mensch ist derjenige, der «die Liebe Gottes, mit der er uns zuerst geliebt hat (1 Joh 4,19), empfängt, dass er mit Gott eins wird und dass die Welt durch ihn auf Gott zurückgeführt wird, so dass gilt: ‹Gott alles in allem› (1 Kor 15,28)» (RDh I 2).(Hanjo Sauer. Der lateinische Originaltext und eine deutsche Übersetzung finden sich in: E. Klinger / K. Wittstadt (Hrsg.): Glaube im Prozeß, Freiburg/Br. u.a. 1984, 33ff.)

15. November 2012 | 00:03
von Konzilsblogteam
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