Konzilsblogteam

Konzilstext und/oder theologischer Traktat?

«Am 11. November (1962) erfahren wir, dass Karl Rahner (und die deutschen Bischöfe) ein neues Schema über die Offenbarung ‹herausgebracht› haben. Man sagt, der Papst habe es gelesen. Aber die ganze Frage ist, wie dieses Schema in die Tagesordnung des Konzils eingebracht werden könnte. Es ist ein sehr schönes Schema, sehr (zu sehr?) rahnerisch […]». Mit diesen Worten kommentierte Henri Denis, während des II. Vaticanums theologischer Berater des Erzbischofs von Lyon, Pierre-Marie Kardinal Gerlier, das später so genannte «Rahner-Ratzinger-Schema» (dazu auch A 2,104-106). Es handelte sich dabei um einen der Alternativtexte, die insbesondere nach dem deutsch-französischen Treffen vom 19. Oktober 1962 erstellt wurden, um die von Konzilsvätern und –theologen kritisierten vorbereiteten Schemata zu ersetzen. Es spricht aus diesem Kommentar des französischen Theologen einerseits eine gewisse Bewunderung für die Theologie des deutschen Jesuiten – konkret verweist Denis auf den von Rahner herausgearbeiteten Zusammenhang von Selbstoffenbarung Gottes und Offenbarwerden der Berufung des Menschen. Andererseits macht sich in der eingefügten Frage («zu sehr?»), deren Inhalt übrigens auch von Yves Congar geteilt wird («das Rahner-Ratzinger-Schema […] ist zu persönlich» [Co 1,201]) auch die Sensibilität für ein methodisches und hermeneutisches Grundproblem bemerkbar: wie muss ein Konzilstext in seinem Werdegang und seiner Endfassung beschaffen sein, um nicht nur Ausdruck einer bestimmten Theologie bzw. der Theologie eines Theologen zu sein, sondern lehramtlicher Ausdruck des Glaubens der Kirche?(Michael Quisinsky; Zitat von Henri Denis aus: Henri Denis: Église qu’as-tu fait de ton Concile? Paris 1985, 42)

11. November 2012 | 00:03
von Konzilsblogteam
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