Walter Ludin

Marienfest ohne biblische Begründung

Mariae Empfängnis Sie haben vielleicht vor einigen Tagen in der Zeitung einen Leserbrief gesehen, in dem jemand erzählt, wie er sich bei Verkäuferinnen erkundigt hat, was denn der an der Kasse angekündigte Feiertag von diesem 8. Dezember bedeute. Die Antworten können sehr einfach zusammengefasst werden: Null Ahnung. Eine Bekannte von mir würde sagen: Null Ahnung und davon eine Menge.
Es ist offensichtlich: Die Unwissenheit über das heutige Fest ist weit verbreitet. Viele, auch treue Gläubige meinen, es gehe um die Ankündigung der Geburt Jesu. Wir dürfen dafür wohl Verständnis haben. Denn auch das heutige Evangelium handelt davon. Auch dies ist verständlich. Denn das heutige Fest wird in der Bibel nicht erwähnt.
Aufgrund dieser Faktenlage schadet es wohl nichts, wenn wir uns kundig machen über die Hintergründe des Festes. Im Internet finde ich auf einer Seite des Klosters Einsiedeln die Erklärung:
Neun Monate vor Mariä Geburt (8. Sept.) feiert die Kirche die Empfängnis der Gottesmutter. Der Osten feierte das Fest an manchen Orten schon seit dem 10.-12. Jahrhundert. Der Westen zögerte aber lange von einer «unbefleckten» (ohne Erbschuld!) Empfängnis zu sprechen, bis Theologen die Empfängnis Marias, die auf dem natürlichen Weg erfolgt ist, als eine von Gott geschenkte «Vorausbefreiung» Marias von der Erbsünde erklärten (päpstliche Definition von 1854: «im Hinblick auf das Erlösungswerk ihres Sohnes»).
Wir können es etwas einfacher ausdrücken und sagen: Im Hinblick auf die Berufung Marias (ich betone: Berufung) – im Hinblick auf ihre Berufung, die Mutter des Erlösers zu sein, konnte ihr die Erbsünde nichts antun.Dispensieren Sie mich davon, zu erklären, was diese Erbsünde bedeutet. Nur eines: Bloss auf Deutsch wird von einer Erb-Sünde gesprochen: also einer Schuld, die vererbt wird. Andere Sprachen sprechen von einer Ur-Sünde; zum Beispiel auf frz. heisst es Péché original. Es sind gewichtige Unterschiede, auf die ich jetzt nicht spekulativ eingehen will.Dafür möchte ich bei einem Begriff bleiben, der uns alle angeht: nämlich der Berufung. Im Internet-Lexikon Wikipedia steht dazu: «»¢ Berufung, im religiösen Kontext das Verspüren eines «inneren Rufes» zu einer bestimmten Lebensaufgabe oder einen bestimmten Dienst in der Kirche.
Sicher ist Ihnen aufgefallen: Es geht hier nicht nur darum, Priester, Ordensfrau oder Ordensmann zu sein; sondern auch und zuerst um eine bestimmte Lebensaufgabe. Darum kann ich behaupten: Jeder Mensch, jede Frau/jeder Mann ist zu etwas berufen. Oder wie es der jüdische Philosoph Martin Buber ausdrückt:Mit jedem Menschen hat Gott etwas vorBuber meint: Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt, was es noch nicht gegeben hat, etwas Erstes und Einziges. Der Chassidismus, die jüdische Spiritualität des 18./19. Jahrhunderts in Osteuropa hat sich intensiv damit befasst. Martin Buber zitiert: »Pflicht ist es jedermanns in Israel (d.h. der jüdischen Gemeinde) zu wissen und zu bedenken, daß er in der Welt einzig in seiner Beschaffenheit ist. E ist noch kein ihm Gleicher auf der Welt gewesen. Denn wäre schon ein ihm Gleicher auf der Welt gewesen, er brauchte nicht auf der Welt zu sein.«Eine chassidische Geschichte, die Buber erzählt und die Sie wohl kennen, zieht die Konsequenz daraus. Ein Rabbi erzählte einem Mann namens Susja: «Gott wird dich beim Jüngsten Gericht nicht fragen: Bis du Mose gewesen? Oder bist du Elija gewesen. Nein, er fragt: Bist du Susja gewesen?»Der Sinn dieser Erzählung ist offensichtlich: Wir müssen nicht Mutter Teresa oder irgendein Heiliger sein: Wir sind eingeladen, uns selber zu sein. Unsere von Gott gegeben, eben einmalige Berufung zu leben.(Klosterkirche Wesemlin, 7.30 und 10.00 sowie Betagtenzentrum 16.30 Uhr)

8. Dezember 2012 | 01:35
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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