Unmut gegen Kardinal Ottaviani
Am 30. Oktober 1962 ergreift Alfredo Kardinal Ottaviani in der Debatte um das zweite Kapitel des Schemas über die Liturgie das Wort. Nach 15 Minuten – die vorgesehene Maximaldauer der Beiträge ist 10 Minuten – entzieht ihm der an diesem Tag amtierende Präsident Bernard Jan Kardinal Alfrink das Wort. Ottaviani antwortet: «Ego iam finivi, iam finivi, iam finivi» («ich habe ja schon geendet»: AS 1/2,20). Auch andere Redner mussten sich schon an die Redezeit erinnern lassen, doch hier handelt es sich um den Präfekten des Heiligen Offiziums! Zudem entsteht eine brenzlige Situation, weil in der Konzilsaula Beifall ertönt – Congar bewertet sie in seinem Tagebuch als feindlich gegenüber Ottaviani (vgl. Co 1,165). Schillebeeckx schreibt: «schmerzlich/peinlich» (Sch 15).Die Folge ist, dass Ottaviani vorerst nicht mehr an die Sitzungen kommt. Man hört, er habe erklärt, «er werde keinen Schritt mehr in die Aula tun, bevor ihm Genugtuung geschieht» (zit. bei Ch 88). Der Vorfall wird zum Gesprächsthema. Henri de Lubac erfährt, dass Alfrink sich geweigert habe, sich dafür zu entschuldigen, dass er Ottaviani unterbrochen habe (vgl. Lu 1,246f). Edward Schillebeeckx OP zufolge habe Alfrink gesagt: «Was sollte ich tun?». Am 10. November 1962 geben mit Nachdruck vorgetragene Worte Ernesto Kardinal Ruffinis, mit denen er Respekt gegenüber der Kurie einschärft, zu reden. Man hört sie auf die Causa Ottaviani hin, doch kommt diese Art der Selbstimmunisierung auch bei Bischöfen nicht gut an (vgl. Co 1,199; Lu 1,248). Am 11. November gibt die Angelegenheit sogar schon in den Zeitungen zu reden (vgl. Co 1,205). P. Otto Semmelroth SJ schreibt dazu: «Ottaviani ist wegen seiner Auffassungen sehr unbeliebt. Das hat sich in dieser Affaire Luft gemacht» (zit. bei Ch 88). Ähnlich sieht es Congar: «Offenkundig ein kleines Zeichen einer Spannung und eines Unbehagens, die ziemlich tief sind» (Co 1,205).Am 13. November 1962 schreibt Lubac: «Kardinal Ottaviani ist heute morgen zum Konzil zurückgekehrt» (Lu 1,273).(emf)
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