Walter Ludin

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Tun wir uns etwas Schönes anWer den Sonntags-Evangelien aufmerksam zuhört und ein gutes Gedächtnis hat, dem fällt es auf: Während über einem Monat hören sich diese Texte fast gleich an. In immer wieder neuen Ansätzen geht es um das Brot, das Jesus den Menschen schenkt; um das Brot vom Himmel, das er selber ist. Wir Prediger sind nicht zu beneiden. Sonntag für Sonntag müssen wir uns zu diesem gleichen Thema etwas Neues einfallen lassen. Nun, wir werden es überleben … Im heutigen Evangelium stellt sich Jesus vor, als «das Brot, das vom Himmel gekommen ist.» Er verspricht: «Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit.» Schon im Evangelium vom letzten Sonntag hat er uns eingeladen, uns von dieser " Speise für das ewige Leben zu ernähren und uns nicht bloss um die irdische Nahrung zu kümmern.»Wenn ohne Illusionen die heutige Welt betrachten, liegen die Worte Jesus quer in der Landschaft. Denn:1. Viele – wir alle? – leben nach dem Motto, das Bert Brecht sehr drastisch formuliert hat: «Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.» Ein Stück Lebensweisheit ist allerdings in diesem frechen Satz verborgen. Schon die alten Römer wussten: Ein leerer Magen studiert nicht gern. Oder denken wir an eine Karikatur, die zeigt, wie ein Missionar einem Verhungernden eine Bibel in die Hand drückt. Der ausgemergelte Mann beisst hinein, weil er meint, er habe etwas zu Essen bekommen.Dies alles dürfen wir nicht vergessen. Und dennoch hat Jesus Recht – wie wir bald sehen werden.2. Umfragen zeigen, dass sogar treue Kirchgänger Mühe haben, an ein ewiges Leben zu glauben. Dazu fällt mir Karl Rahner ein, der in einem fiktiven Dialog mit einem Nichtglaubenden sagte: «Du behauptest, mit dem Tod sei alles aus. Das mag für deine bescheidenen Anspruch genügen. Aber ich bin anspruchsvoller. Mir reicht dieses irdische Leben nicht aus.»Nun nochmals zu Jesus im heutigen Evangelium. Er erzählt vom jüdischen Volk, das durch die Wüste zog und sich von Manna ernährte. Vergessen wir nicht: Dieses Manna wurde von Gott geschenkt – wie alle Güter der Schöpfung. Und dennoch: Alle, die davon assen, sind eines Tages gestorben. Denn: Jeder Mensch braucht nicht nur eine Nahrung für den Körper. Wir brauchen auch Nahrung für die Seele.Dies wird auf brutale Weise bestätigt durch die Erfahrungen in einem Kinderheim. Auffallend viele der Kleinkinder waren ernsthaft krank. Eine Untersuchung ergab, dass sie auf den ersten Blick vom Personal hervorragend betreut wurden: Das Essen war gesund, die medizinische Versorgung tadellos. Doch dann merkte man, dass die Schwestern keine Zeit hatten, mit den Babys zu reden. Diese bekamen von ihnen aus Zeitmangel keinerlei Zuwendung, die über das Materielle hinaus ging. Man zog die Konsequenzen, stockte das Personal auf und gab die Anweisung, den Kleinkindern auch emotionale Zuwendung zu schenken. Und siehe da: Die Kinder blieben gesund.Der langen Rede kurzer Sinn: Schenken wir unserer Seele genügend Nahrung.»«¢ Diese Nahrung kann uns Jesus schenken, wenn wir uns ihm vertrauensvoll zuwenden, im Gebet und im Gottesdienst.»«¢ Einen Teil dieser Nahrung können wir uns selber schenken, indem wir uns immer wieder mit Schönem und Gutem beschenken: uns Zeit nehmen für Dinge, die unser Herz erfreut. Eine junge Bekannte von mir sagt jeweils: «Ich will mir was Schönes antun.» «»¢ Und als Letztes, aber nicht Unwichtiges: «Tun wir auch einander Schönes an.» Sie haben es sicher auch schon gehört und bestimmt auch selber erfahren: Der Mensch ist des Menschen beste Medizin.

12. August 2012 | 01:35
von Walter Ludin
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