Walter Ludin

Fehlinterpretationen ...

… des Konzils?(Aus einem Interview mit Otto Hermann Pesch)Benedikt XVI. sagt seit langem, er wolle das Konzil vor Auswüchsen und Fehlinterpretationen schützen. Nehmen Sie ihm das ab?
PESCH: Im Grunde ja, obwohl es mir schon ein gewisses Rätsel ist, wie der ehedem so fortschrittlich gesinnte Theologe Joseph Ratzinger eine solche Ängstlichkeit und Enge entwickeln konnte. Insgesamt war es fatal für die Wirkungsgeschichte des Konzils, dass die erste Phase der Rezeption zusammenfiel mit den 68er-Revolten, die alles Institutionelle als Repression radikal in Frage stellten. Das Konzil galt manchen als Freibrief für innerkirchliche Anarchie. Das machte verständlicherweise dann selbst Bischöfe kopfscheu, die mit großem Elan an die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse gegangen waren. Und so warnen um das Konzil besorgte Katholiken schon seit den 70er Jahren vor «Restauration».
Ist das Konzil mit seiner Öffnung zur modernen Welt einer naiven Euphorie erlegen, wie seine Kritiker sagen?
PESCH: Ein gewisser Fortschrittsoptimismus ist nicht von der Hand zu weisen. Andererseits nehmen die Texte die Ambivalenzen und Abgründe der Moderne sehr wohl wahr – nicht zuletzt unter dem Einfluss deutscher Konzilstheologen, namentlich Karl Rahner und Joseph Ratzinger. Deshalb halte ich den Vorwurf der Naivität für ignorant und denunziatorisch.

6. Juli 2012 | 15:17
von Walter Ludin
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