Walter Ludin

Zustände im Vatikan

«Unvorstellbar»(Über die Zustände im Vatikan wurde in den letzten Wochen viel geschrieben. Einen guten Überblick gibt Mario Politi. Hier ein Auszug.)Die «Vatileaks»-Affäre ist nach Ansicht des italienischen Vatikan-Experten Marco Politi Ausdruck einer Führungskrise in der katholischen Kirche. Es biete sich das Bild «eines leisen Rückwärtsgleitens», schreibt Politi in einem Gastbeitrag für die «Zeit»-Beilage «Christ – Welt» (Donnerstag). Papst Benedikt XVI. regiere «auf absolutistische und isolierte Weise»; ihm fehle die Anbindung an weite Kreise in Kirche und Gesellschaft.Als Beispiel führt Politi, der 20 Jahre lang für die Tageszeitung «La Repubblica» aus dem Vatikan berichtete, unter anderem die Verwaltungskultur unter Benedikt XVI. an. So finde die Vollversammlung der Präfekten der römischen Kongregationen nur zweimal im Jahr statt; das Kardinalskollegium, das aufgrund seiner internationalen Zusammensetzung als wichtiger Ratgeber fungieren könne, sei in den sieben Jahren des Ratzinger-Pontifikats lediglich viermal einberufen worden. «Eigentlich unvorstellbar für einen Global Player», so Politi.(…)Im Innern der Kirche konstatiert Politi einen weitreichenden Reformstau. Er schreibt von einem «frappierenden Priestermangel», einem Rückgang bei den Frauenorden sowie einer durch die traditionalistischen Piusbrüder losgetretenen Debatte über die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).»Grundlegende Dokumente, die damals von mehr als 2.000 Bischöfen abgestimmt wurden und die katholische Kirche in das neue Jahrtausend geführt haben, sind Gegenstand eines hartnäckigen Tauziehens zwischen wenigen konservativen Personen geworden.»———————–Hoffentlich endet das Tauziehen nicht in einem Desaster.

28. Juni 2012 | 01:31
von Walter Ludin
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