Walter Ludin

Taufe Jesu

Kein Wohlfühl-Christentum
Leo d. Grosse aus dem 5. Jahrhundert meint: «Erkenne, o Christ, deine Würde. Teilhaber bist du geworden der göttlichen Natur. Kehre darum nicht mehr zurück in die degenerierte Lebensform deiner alten Niedrigkeit.» Dieses Wort erinnert an den Vorwurf Jesu: «Was du tust, das tun ja auch die Heiden/Ungläubigen.» Ich muss gestehen: Für mich eine persönliche Herausforderung: Ich muss mir die Frage stellen: Merkt man aus meinem Verhalten, dass ich ein Christ bin? Oder eben: Benehme ich mich wie ein anständiger Heide?Solche Fragen gehören nicht nur in den privaten Bereich. Sie haben auch eine gesellschaftliche/politische Dimension: In der 1. Lesung, einem Kommentar zum Auftrag Jesu/ Auftrag eines jeden Getauften ist mehrmals von Recht/Gerechtigkeit die Rede. Dies sind nicht bloss individuelle Begriffe . Dazu eine lebendige Erinnerung aus den 1970er-Jahren, als ich in Freiburg studierte. Im Nachbarstädtchen Romont machte ein Kapuziner Schlagzeilen durch eine Predigt zur Taufe Jesu. Aus christlicher Verantwortung heraus nahm er Stellung zu konkreten Fragen der Gerechtigkeit. Ein aktuelles Problem war der Milchpreis: Bauern der Region kämpften mit einem Grossverteiler um einen gerechten Milchpreis. Meine Mitbrüder Kapuziner solidarisierten sich mit ihnen.Wegen solchen sozial-politischen Aktionen wurden in Romont meine Mitbrüder als «Capucins rouges/rote Kapuziner» beschimpft. Es gab einen Prozess. Ein Bruder verbrachte dann einige Tage im Gefängnis. Solche Menschen müssen erfahren: Christ-Sein kann ungemütlich sein. Die Taufe verspricht kein Wohlgefühl/Wellness-Christentum. Dies kann jeder/jede erfahren, die sich gegen Unmenschlichkeiten wehrt: am Arbeitsplatz; oder, ganz aktuell, in einem Dorf, in dem die Mehrheit sich weigert, Asylsuchende aufzunehmen. Wer sich dort für Menschlichkeit einsetzt, macht sich nicht unbedingt beliebt. Wir alle können uns dies vorstellen. Und wir sehen: Die Taufe/der Auftrag, den sie uns gibt, ist nichts Niedliches. Die Konsequenzen der Taufe können recht unangenehm sein. Billiger ist unser Christ-Sein nicht zu haben.(Elisabethenheim Luzern, 9.45 Uhr)

8. Januar 2012 | 01:03
von Walter Ludin
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