Walter Ludin

Predigt am Heiligen Abend

Die wahre Grösse«Ein noch völlig auf Hilfe angewiesenes, kleines Kind in der Krippe, in einem unscheinbaren Stall»: So beschreibt im Pfarrblatt die Ihnen wohl bekannte Anneliese Camenzind (eure Gemeindeleiterin) das Jesus-Kind, die Hauptperson dieser Nacht. Ja, es ist eine arme, sogar ärmliche Szene, die uns das heutige Evangelium vor Augen führt. Was für ein Kontrast zum Evangelium des 4. Adv.So: Dieses neugeborene Kind, Jesus von Nazareth, wurde dort angekündigt als «Sohn des Höchsten». Da drängt sich die Frage auf: Wenn dieses kleine Kind wirklich Gottes Sohn ist, warum musst es unter so erbärmlichen Umständen zur Welt kommen: im Stall, umgeben von Ochs und Esel.Eine Bekannte von mir, eine gläubige, kritisch denkende Frau und Mutter sagte mir: «Ich bin entsetzt, dass Maria in diesen unhygienischen Verhältnissen ihr Kind gebären musste.» Und sie fügte hinzu: «Wenn ich Gott wäre, hätte ich es ganz anders gemacht.» Wie denn? Sie wurde still und sagte nach langem Nachdenken: «Ich hätte mir den mächtigsten Mann der Welt ausgewählt und ihm dieses Kind anvertraut.»Nein, Gott hat es anders, ganz anders gemacht. Er, der Grosse, machte sich in Jesus ganz klein. Und ich behaupte: sich klein machen, sich den Kleinsten zuwenden, dies ist ein Zeichen von Grösse. Ich möchte dies an zwei Beispielen zeigen. Eines erfunden; das zweite aus dem Leben gegriffen:»«¢ In einem «Tatort»-Krimi wird der Chirurg vom Kommissar nach dem Namen seiner Putzfrau gefragt; entsetzt: «Was meinen Sie denn? Ich bin Tag und Nacht damit beschäftigt, Leben zu retten. Wie soll ich mich dann um meine Putzfrau kümmern?»«»¢ Das zweite Beispiel hat mir eine Sozialarbeiterin erzählt: Das Kind einer sehr armen Familie hatte einen Gehirntumor. Seine Betreuerin ging mit ihm ins Spital einer grossen Stadt, wo ein weltbekannter Arzt als Chef wirkte. Dieser erfuhr von dem Kind und entschloss sich, es persönlich zu operieren. Zur Sozialarbeiterin: «Ich könnte jeden Tag drei-vier Millionäre aus der ganzen Welt operieren. Doch mehr Freude macht es mir, diesem armen Kind zu helfen.» Und auch nach der OP erkundigte er sich dauernd nach seinem Wohlergehen.Frage: Welcher dieser beiden Männer würden Sie als wirklich gross bezeichnen?(Anfang meiner Predigt in Langnau i.E; heute um 11 Uhr)

24. Dezember 2011 | 15:31
von Walter Ludin
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