8o-jähriger Kirchenreformer
Helmut KrätzlDer Wiener Weihbischof Helmut Krätzl wurde kürzlich 80. Er ist einer der wenigen Menschen, die am Konzil beteiligt waren und heute noch leben. Ich traf ihn anlässlich eines Treffens des KirchenVolksBegehrens in Wien an. Vor der Veranstaltung sass er in einem Restaurant neben der «illegal» geweihten Bischöfin Christine, friedlich mit ihr diskutierend.Hier eine Passage aus einem Interview der «Wienerzeitung»:
Papst Johannes XXIII. hatte ein Gespür dafür, dass sich in den 1960er Jahren Wesentliches ändern wird. Er hat die Kirche durch das Konzil fit machen wollen für diese Änderungen.Dieses Fitmachen hieß für ihn: Verheutigung/Aggiornamento und Öffnung zu anderen christlichen Kirchen, zu anderen Religionen und zur Welt überhaupt. Und das ist ihm – glaube ich – gelungen. Damit bekam die Kirche überhaupt erst die Möglichkeit, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Auch durch die Neudefinition der Kirche, die sich nicht mehr als allein selig machend und vor allem hierarchisch betrachtet, sondern sich als Volk Gottes sieht. Kirche sind wir alle. In dieser Gemeinschaft gibt es verschiedene Aufgaben und Ämter. Auch bei der Leitung der Kirche gilt «Gemeinschaft»: die Bischöfe, in deren Mitte der Papst unverzichtbar ist – aber nicht der Papst allein leiten die Kirche.Der Sprung wurde dadurch stark gehemmt, dass viele Gedanken des Konzils nicht weitergedacht wurden. Zum Beispiel hätte die Kollegialität der Bischöfe eine starke Aufwertung der Ortskirchen, der Bischofssynode bedeutet. In Wahrheit ist es zu einem stärkeren Zentralismus gekommen, als es das Konzil wollte.Auch die Mitverantwortung der Laien ist nicht zum Durchbruch gekommen. Auch die Gedanken des Konzils zur verantwortlichen Elternschaft, also dass die Eltern über die Zahl ihrer Kinder selbst entscheiden sollen, hätten weitergedacht werden müssen. 1968 hat dann Papst Paul VI. in der Enzyklika «Humanae vitae» die Möglichkeit auf eine «natürliche» Empfängnisregelung eingeengt. Das war für viele eine Enttäuschung. Ähnlich war es in der Pastoral der wiederverheirateten Geschiedenen, in der gerade der jetzige Papst damals noch eine sehr fortschrittliche Haltung eingenommen hat. Auch da gab es Enttäuschungen.Ist derzeit ein neuer Anlauf überhaupt denkbar?Momentan habe ich starke Bedenken, ob eine Erneuerung der Kirche von oben kommen wird. Ich glaube, dass – so wie fast immer in der Geschichte – die Erneuerung von unten kommen muss. Auch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es ja schon die liturgische und die ökumenische Bewegung an der Basis, deren Ideen die Theologen und Konzilsväter dann verarbeitet haben. Und beim Konzil selber gab es in fast allen ursprünglichen Vorlagen die Stimme der alten Theologie – herausgekommen ist aber dann eine neue Theologie. Aber beim Konzil gab es eine einmalige Situation, weil der Papst wollte, dass die Kirche einen Sprung vorwärts macht – und nicht, dass man Altes wieder hervorholt.—————————————-Wer den Weihbischof persönlich erleben will. In Wil SG hält er am 2. März einen Gottesdienst und einen Vortrag. Schon jetzt vormerken!!
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