Walter Ludin

1. Advents-Sonntag

Alle Jahre wieder «Wie schnell die Zeit vergeht.» Fast Tag für Tag hören wir diesen Stossseufzer.»«¢ Schon ist der 1. Adv.»«¢ Schon bald ist wieder ein Jahr vorbei. Wir erinnern uns, wie wir gebannt auf den Jahrtausend-Wechsel gewartet haben. Und schon sind 10, 11 Jahre dieses Jahrtausends vergangen.Je älter wir werden, umso schneller vergeht subjektiv gesehen die Zeit. Es ist sogar wissenschaftlich erwiesen: Bei 20jährigen vergeht die Zeit doppelt so schnell wie bei 10-Jährigen; bei 40-Jährigen doppelt so schnell wie bei 20-Jährigen usw.Die Zeit ist für uns wie ein Pfeil, der schnell, immer schneller dahinfliegt.Die Menschen haben dies nicht immer so empfunden: In der Antike/biblischen Zeiten konnte man dieses lineare Zeitverständnis nicht. Man hatte das zyklische Zeitverständnis: Die Zeit ist nicht wie ein Pfeil, sondern wie ein Kreis. Wenn man sich im Kreis bewegt, kommt man immer zum gleichen Punkt. Man spricht von der «Ewige Wiederkehr des Gleichen»Sogar FRIEDRICH NIETZSCHE sah in seinem Hauptwerk «Also sprach Zarathurstra» die Zeit zyklisch: «Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.»Sie werden sich fragen, warum ich Ihnen dies erzähle. Wir sind ja nicht in einer Philosophie-Stunde. Vielleich ahnt jemand den Grund: Das Kirchenjahr, das heute beginnt, entspricht dem zyklischen Verständnis von Zeit.Es ist schön ausgedrückt im Weihnachtslied: «Alle Jahre wieder kommt das Christuskind.»Für mich/uns, die wir die Zeit als einen Pfeil erfahren, stellt sich die Frage: Wie verstehen wir die Zeit als Kreis, als Kreis-Lauf des Ewigen? Ich möchte Sie nicht mit einer langen Theorie langweilen. Nur eine einzige Bemerkung: Nutzen wir diese biblische Vorstellung/Erfahrung des Kirchenjahres als CHANCE, als CHANCE eines ständigen Neu-Anfangs. Was wir verpasst haben, können wir nachholen: Wenn wir bisher den Advent nicht «adventlich» gefeiert haben, können wir es dieses Jahr tun, besinnlicher/mehr auf das Wesentliche konzentriert als auf Äusserlichkeiten. Ich möchte noch keine Weihnachtspredigt halten, aber doch einen Blick auf Weihnachten werfen mit bekannten Wort des Angelus Silesius: «Wär´ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.» Ja, im zyklischen Weltbild ist Jesus sogar etwa 2000 mal geboren/an jedem Weihnachtsfest. Und jedes Jahr erhalten wir Gelegenheit, ihn in uns gebären zu lassen. Was könnte das heissen? Wenn Weihnachten bedeutet «Gott wird Mensch», so bedeutet «Christus gebären»: Gott die Möglichkeit geben, durch uns menschlich zu handeln/ mehr Menschlichkeit/Gerechtigkeit/Frieden auf Erden zu schaffen.Predigt im Kapuzinerinnenkloster St.Klara, Stans, SO 9.30 Uhr

27. November 2011 | 01:50
von Walter Ludin
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