Walter Ludin

«Der Kampf um die Fluchtburg»

Warum der Vatikan Frieden mit den Pius-Brüdern willHerbert Kohlmaier, ein «zorniger alter Mann» der österreichischen Kirche, hat gestern wieder einen seiner provokativen Artikel verschickt. Ich stelle ihn zur Diskussion. Hier der erste Teil. Der zweite folgt morgen.
Viele fragen sich, warum der Papst so sehr um eine Aussöhnung mit der Piusbruderschaftbemüht ist, obwohl er von dort heftig kritisiert und sogar beschimpft wird. Aufder anderen Seite zeigt er den Erneuerungskräften die kalte Schulter, was ebenso unverständlicherscheint. Doch das Ganze hat seine Logik!Als in den Neunzigerjahren das Drängen der Reformkräfte in der Kirche immer stärkerwurde und sich zu organisieren begann, musste der Vatikan eine grundsätzliche strategischeEntscheidung treffen. Man hätte sich – wie sonst im gesamten öffentlichen Lebenbewährt – mit den geäußerten Anliegen kooperativ auseinandersetzen und ihnen da unddort entgegenkommen können. Dies wollte Rom jedoch keineswegs, aus vielen Gründen,die hier nicht dargelegt werden müssen. Der Wesentlichste war wohl, dass man mitKonzessionen eingestanden hätte, was bisher falsch gemacht wurde. Das hätte aber dieeigene auf göttlicher Einsetzung beruhende Vollkommenheit in Frage gestellt.Das Ignorieren und Abwehren der Reformkräfte verlangte konsequenter Weise ein umsostärkeres Beharren auf dem Bestehenden. Dies führte unweigerlich zu der uns allenbewussten Spaltung der Kirche in zwei Lager. Aber nicht nur das: Viele entfernten sichja mittlerweile von der Kirche – entweder durch kritische Distanz bis zum Verweigernder Gefolgschaft oder auch durch den Austritt. Diese Entwicklung ist der Kirchenleitunglängst entglitten. Sie muss sich aber doch irgendwie darauf einstellen und versuchen,damit umzugehen – auch zur Wahrung des Gesichts.Alles deutet nun darauf hin, dass man resigniert, also den Verlust eines sehr großenTeils der Gläubigen ganz bewusst einfach zur Kenntnis nimmt. Entgegenwirkende Vorhabenwie die «Neuevangelisierung» sind von vornherein zum Scheitern verurteilte Alibihandlungen.Man kann nicht mit der schweren Last des Klerikalismus im Rucksackdas verlorene Land wieder erobern. Kaum sinnvoll erscheint, eine Kirche, die so wie sieist bleiben will, von vielen abgelehnt wird, durch verstärktes Werben noch mehr insRampenlicht zu stellen. So ist das Ganze nur eine Pflichtübung – zur Beruhigung (oderBeschäftigung) der noch immer Getreuen und des eigenen Gewissens.Sich einrichten im kleinen GefildeMit dem Ende der Volkskirche hat sich die Hierarchie bereits abgefunden. Sie vertrautauf ein neues Zukunftsszenario. Es sollte nach dem Ausscheiden der Unzufriedenen ein»wahrer Kern» übrigbleiben, eine konsistente und leicht dirigierbare papsttreue Kirche.Eine solche könnte sogar den biblischen Sauerteig darstellen, der nach einer gewissenZeit auch wieder zu wirken die Aussicht hätte. Also eine Elite sollte übrig bleiben, diegetreu und unverdrossen die Stellung hält. Doch Eliten entstehen nicht als Restbeständenach verbreiteter Flucht der kritischen Geister.Aber ganz ohne Kampf kann Rom nicht aufgeben. Allerdings verlagert sich dieser nundorthin, wo die Fluchtburg liegt. Hier droht eine gefährliche Besetzung durch eine starkeKonkurrenz. Am Ort der Rettung drohen ja inzwischen die Ultrakonservativen dieMacht an sich zu reißen. Wer überzeugter Traditionalist ist, dem könnte schlussendlichja gleich lieber sein, sich dem Meister Piusbrüder und nicht dem Gesellen Papst anzuschließen!Dieses Problem scheint den Vatikan sehr zu beschäftigen und zu beunruhigen. Bekanntlichgibt es das Wort: Wenn du sie nicht besiegen kannst, verbünde dich mit ihnen! Eserklärt auf ganz einfache Weise das Handeln gegenüber den Piusbrüdern. Dort, wo mansich in Zukunft niederlassen will, soll eine erträgliche Situation hergestellt werden,nämlich ein Frieden zwischen den konkurrierenden Konservativen. Aber diese Rechnungwird wohl nicht aufgehen. Man hat sich für den nur scheinbar bequemeren Weg insichere Gefilde entschieden, nicht aber zum schwierigen aber aussichtsreichen gemeinsammit den um den Fortschritt Ringenden.

4. November 2011 | 01:39
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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