Walter Ludin

Was ist katholisch ...

… was ist «römischer Geist»? Was viele nicht wissen und – auch wenn sie es mal gehört haben- es ihnen nicht bewusst ist: Die katholische Kirche umfasst 23 «Riten». Der «lateinische» Ritus beziehungsweise die «römisch-katholische» Kirche ist zwar mit Abstand der grösste. Doch gibt es z.B. unierte Ostkirchen oder vor allem in Indien die syro-malabarische und syro-malankarische Kirche. Sie alle bilden gleichberechtigt die «katholische» Kirche. Gleichberechtigt? In der Theorie ja …
Dazu der Schweizer Religions-Soziologe Franz-Xaver Kaufmann in seinem Artikel «»Was ist katholisch, was ist römischer Geist? in der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart». Es lohnt sich, seinen Gedankengänge zu folgen:
Wer die Geschichte des Christentums ernst nimmt, dem erscheint der historische «Erfolg» der römischen Kirche eher ihrer europäischen Randlage und ihrer eigenen Beziehung zur römischen Tradition geschuldet. Oder sollte man annehmen, es sei der Wille Gottes gewesen, dass all diese Christentümer unter dem Ansturm der Mongolen und unter dem Druck eines radikalisierten Islam weitgehend untergegangen sind und selbst Byzanz dem Ansturm der Turk-Völker nicht standhalten konnte, so dass nur das Patriarchat des Westens als historische Größe übrig blieb? Das Selbstverständnis der römischen Kirche hat sich seit dem Großen Schisma von 1054 zu solcher Ausschließlichkeit entwickelt.
Wollte man das abgrenzende Selbstverständnis einer sakralisierten Tradition aufbrechen, müsste es im Namen dieser großen Ökumene geschehen. Aus dieser Sicht wurde die katholische, das heißt ihrem Namen nach die ganze Christenheit umfassende Kirche seit dem elften Jahrhundert immer provinzieller, römischer und doktrinärer. Darüber können auch die großen missionarischen Erfolge nicht hinwegtäuschen. Sie beschränkten sich auf den Raum der sogenannten Naturreligionen und fanden ihre Grenzen an anderen Hochkulturen. Mission erfolgte in der Regel im römischen, mit den Denkwelten der Kolonialherren verwandten Sinne. Auch nach dem Ende des Kolonialismus hatten es christliche Bewegungen schwer, die aus regionalen Impulsen entstanden sind, beispielsweise die Theologie der Befreiung.
Den Höhepunkt dieser Provinzialisierung und lehramtlichen Verfestigung bildete das Erste Vatikanische Konzil. Es legte Rom als den Nabel der Welt fest. Diese Stadt eignet sich dazu vorzüglich, zeigt sie doch wie keine andere die großartigen Zeugnisse ihrer Vergangenheit als gegenwärtige, alltägliche. Die lateinische Sprache, die Bedeutung von Hierarchien, die Rolle des Rechts und das Amtsverständnis hat die katholische Kirche aus der römischen Kultur übernommen. Sie ist ein zusammengefügtes «Produkt» aus römischen und christlichen Traditionen. Darin besteht ihre Identität, die sie so schnell nicht ändern wird. Aber dieses Selbstverständnis eignet sich so nicht als universale Vertretung des Christentums.
Fortsetzung folgt

1. November 2011 | 01:50
von Walter Ludin
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