Walter Ludin

Kirche und Politik

Ein SkandalFür viele, vor allem «Rechtse», ist eine Kirche, die politisch Stellung bezieht, ein Skandal. Ich weiss dies aus eigener Erfahrung, da ich seit Jahrzehnten in Predigten versuche, Stellung zu beziehen zu politischen Fragen, allerdings nicht im Sinne von Parolen. Ich erinnere bloss an Werte. Und bekomme zum Teil Hass zu spüren. Als ich beispielsweise 1972 über die Waffenausfuhr predigte, fragte jemand am Telefon nach dem «bösen Pater» …. (Eine alte Frau hingegen drückte dem zuständigen Pfarrer eine Flasche Wein in die Hand «für den Prediger, der es endlich wagte, die Wahrheit zu sagen…»
Über das Thema fand ich kürzlich im Dienst der KIPA einen hevorragenden Hintergrundbericht, aus dem ich hier zitiere. ….Doch in letzter Zeit scheint die traditionelle Zurückhaltung von Kirchenvertretern zumindest etwas mehr Profil bekommen zu haben als auch schon. So haben sich die St. Galler Bistumsräte mit einem Plakat zu Wort gemeldet. Sie geben keine Wahlempfehlung ab, sondern rufen dazu auf, «Haltung zu wählen». Man solle «Menschenwürde», «Toleranz» und «Fairness» wählen statt «Diskriminierung», «Ausgrenzung» oder «Angstmacherei». Auch Bischof Markus Büchel steht gemäss einem Communiqué hinter der Aktion von Priesterrat, Rat der hauptamtlichen Laienseelsorgenden und Seelsorgerat.Auch auf Ebene der Bischöfe wehrt man sich nun dafür, zur Politik etwas zu sagen zu haben. So hat Abt Martin Werlen namens der SBK zum Nationalfeiertag vom 1. August, Wochen vor der Episode um das SVP-Inserat, eine Botschaft unter dem Titel «Die Kirche ist politisch!» verfasst: «Selbst wenn die Kirche als solche keine Parteipolitik macht, ergreift sie dennoch Partei. Wer immer das Evangelium verkündet, ergreift Partei für den Menschen.»————————————-Nachtrag von Helder Camara: «Wenn ich den Hungrigen zu essen gebe, bin ich ein Heiliger. Wenn ich frage, warum sie hungern, ein Kommunist.»

23. Oktober 2011 | 01:13
von Walter Ludin
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