Walter Ludin

Kampf-Flugzeuge ...

… oder Pflegepersonal?Stellen Sie sich vor: Die Schweiz braucht einen schützenden Luftschirm über das ganze Land. Bitte, schliessen Sie mal die Augen und versuchen, sich eine konkrete Vorstellung zu machen, wie ein Schirm aussehen würde, der sich über die Schweiz spannt …Ist es Ihnen auch so ergangen wir mir? Bei bestem Willen kann ich mir dieses Ding nicht genau vorstellen. Ich darf Ihnen aber verraten, was dahinter steht: Die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge soll mit solchen Bildern durchgesetzt werden. Den «Schirm» über unserer Heimat hat übrigens bereits Bundesrat Villiger lautstark propagiert. Machen wir eine zweite Übung in Sachen Phantasie. Man hat ausgerechnet, dass die Flugzeuge, welche das Militär demnächst kaufen möchte, in ihrer gesamten Betriebsdauer etwa sechs Milliarden Franken verschlingen würden. Ich gratuliere Ihnen, wenn es Ihnen gelingt, diese Summe anschaulich vor Augen zu führen.Nun, Bundesrat Maurer weiss um solche Schwierigkeiten. Als er kürzlich jammerte, seine Armee verfüge jährlich über drei Milliarden zu wenig, rechnete er dies in Millionen um: «Meine Damen und Herren, wir haben drei Tausend Millionen zu wenig.» Ich war nicht dabei, aber ich stelle mir vor, wie unserem Verteidigungsminister bei diesen Worten Tränen fast kanonenkugelschwer über seine magistralen Wangen rollten.Gemäss seinem Vorbild stelle ich jetzt fest, dass die neuen Flugjets sechs Tausend Millionen Franken verschlingen würden. Ich versuche, die Zahl mit den entsprechenden Nullen in die Tasten zu hauen: 6 000 000 000. Da ich in solchen Dingen nicht sehr gewandt bin, bitte ich Sie um Nachsicht, falls mit diesen Nullen etwas nicht stimmt. Doch auch mit der dahinter stehenden Sache stimmt etwas nicht. Bei nüchterner Betrachtung wäre eine solche Ausgabe reine Geldverschwendung. Denn in der aktuellen Bedrohungslage ist weit und breit kein Feind in Sicht. «Das kann sich rasch ändern», meinen die Militärs. Ja, sehr richtig. Der Fürst von Lichtenstein könnte zum Beispiel, depressiv geworden durch den Tod seines Freundes Otto von Habsburg, sich in militärische Abenteuer stürzen …Werden wir realistisch und stellen uns vor, wie die genannte Unsumme für wirklich Sinnvolles ausgegeben werden könnte. Nicht nur, weil ich im Blatt eines Pflegeheims schreibe, nenne ich hier die Investitionen in das Pflegepersonal. Kürzlich war ich als Patient in einem Spital. Einer der Pflegerinnen schüttete mir ihr Herz aus und erzählte mir von den Stress schaffenden Arbeitsbedingungen auf der Abteilung. Sie nannte ein ganz aktuelles Bespiel: Die Nacht zuvor habe die Nachtwache erst nach sieben Stunden für fünf Minuten sich hinsetzten und durchatmen können. Und ich machte mir fast ein schlechtes Gewissen, weil ich die Pflegefachfrau notfallmässig zwei Mal zu mir gerufen hatte. (Übrigens, liebe Freunde von der SVP: Der Name der jungen Frau endete mit –itsch. Wenn es nach Euch ginge, wäre sie schon längst wieder auf dem Balkan … Und ich hätte vergeblich den Alarmknopf gedrückt …).»Meine» Pflegefachfrau erzählte mir weiter, auf der Abteilung würde das Personal im Durchschnitt alle vier Jahre wechseln. Mit zunehmendem Alter würden immer weniger den Stress aushalten. Sie selber sei mit ihren 36 Jahren eine der ältesten. Sie wäre auch schon gegangen, wenn sie sich nicht von den Abteilungsverantwortlichen handfest unterstützt fühlte.Noch was zur Nachtwache: Vor nicht allzu langer Zeit wurde sie von einer Hilfskraft unterstützt. Obwohl diese nicht einen Spitzenlohn verdient hat, wurde die Stelle weggespart.Damit sind wir wieder bei den Militärflugzeugen, bei denen Sparen offensichtlich nichts zu suchen hat. Viele Politiker träumen von den neuesten Modellen. Die dafür benötigten Milliarden sind für sie offensichtlich kein Problem.Kommen wir am Schluss zum Anfang zurück. Ich habe Sie eingeladen, die Augen zu schliessen. Jetzt fordere ich unsere Politiker auf, die Augen zu öffnen für die immer prekäre werdende Situation auf dem Pflegesektor. Ich wünsche aber keinem, dass er als Patient einen «Selbstversuch» machen muss, wenn in voraussichtlich wenigen Jahren der Pflegenotstand auch für die Patienten und Bewohner von Heimen schmerzlich spürbar wird. Von einem Staatsmann (oder einer Staatsfrau) verlange ich, dass er nicht erst aus einem persönlichen Leidensdruck heraus handelt.
(Dieser Artikel erscheint in diesen Tagen im Steinhofblatt, Hauszeitschrift des Pflegeheims Steinhof, Luzern. Er ist zurzeit noch aktueller als vor zwei Monaten, als ich ihn verfasst habe; vgl. Diskussion um die Beschaffung der Flugzeuge für die Schweizer Armee.Und gerade jetzt erfahre ich, dass in unserem Kantonsspital nochmals 40 Stellen abgebaut werden.)

20. September 2011 | 01:37
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!