Bischöfe postulieren Kurskorrektur
Die im Juli versandten Konzilsvorlagen treffen bei den Bischöfen, den künftigen Konzilsvätern, Ende August 1962 ein. Das wird im Blick auf den nahenden Konzilsbeginn als sehr spät empfunden. Julius Kardinal Döpfner schreibt an P. Bernhard Häring, den er bittet, sein Konzilsberater zu sein: «Leider Gottes erhielten wir, entgegen allen früheren Ankündigungen, die Vorlagen erst Ende August, so dass die Zeit recht knapp ist. Eigentlich sollte man bis zum 15. September schon Änderungswünsche nach Rom einreichen. Aber dies ist nun absolut unmöglich» (Dö 261).In der Tat reichen nur weniger als 10 % der Bischöfe Änderungswünsche ein. In Rom treffen 176 Eingaben aus 38 Ländern ein. Neben höflichen Antwortadressen und kleineren stilistischen Anmerkungen erfolgt dabei auch Grundsatzkritik, so von mehreren französischen Bischöfen. Pierre Kardinal Gerlier sieht eine Diskrepanz zwischen den Anliegen Papst Johannes XXIII. und den vorliegenden Texten, welchen der pastorale Charakter weithin fehle. Sein Weihbischof Alfred Ancel wird noch konkreter: er fühle sich beim Lesen an die Vorlesungen der Gregoriana erinnert, die er mit Gewinn besucht habe, doch könne er solchen Texten nicht als Konzilstexten zustimmen. Der Bischof von Namur weist die negative Tendenz der Texte zurück: «Das Konzil kann nicht die Rolle des Hl. Offiziums spielen» (zit. A 1,474).Die französischen Bischöfe vermissen zumal weiterführende Aussagen über das Verhältnis zur modernen Welt, zur Gesellschaft. Der Bischofskoadjutor Léon Arthur Elchinger zeigt dabei auch eine positive Perspektive auf: «Die Kirche muss die suchenden Menschen dort abholen, wo sie stehen, so dass sie ihnen selbst im Namen Gottes Freund sein kann. Deshalb muss die Kirche die heutige Welt verwandeln. Sie darf nicht darauf warten, dass die Menschen zu ihr kommen, sondern sie muss selbst zu ihnen gehen» (zit. A 1,475). Die Kirche müsse ein Sauerteig sein, der die Welt durchdringt – und zwar so, dass sie nicht bestrebt ist zu herrschen, sondern zu dienen.(emf; vgl. Klaus Wittstadt: Am Vorabend des II. Vatikanischen Konzils [1. Juli – 10. Oktober 1962]. In: A 1, 457-560, 472-477)
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