Walter Ludin

Der Flüchtlingskaplan ...

.. und die KapuzinerVor zehn Jahren starb Cornelius Koch, in der ganzen Schweiz als «Flüchtlingskaplan» bekannt – und von manchen Behörden gefürchtet. In seinem unermüdlichen Bestreben, verfolgten Asylsuchenden eine neue Heimat zu geben, konnte er auf die Unterstützung einiger Kapuziner zählen.
Es begann 1973, nach dem Putsch in Chile. Obwohl dort Zehntausende verfolgt und gefoltert wurden, wollte die Schweizer Regierung nur eine kleine Gruppe Flüchtlinge aufnehmen. Da trat erstmals Kaplan Cornelius Koch auf den Plan. Er schuf die «Freiplatzaktion Chile». Möglichst viele Einzelne, Gruppen, Pfarreien und politische Gemeinden sollten sich verpflichten, bei sich einen Flüchtling aufzunehmen. Die Aktion war ein grosser Erfolg: Obwohl ihr die Schweizer Behörden unzählige Hindernisse in den Weg legten, fanden rund 2000 Chilenen Aufnahme.Der Erfolg ermutigte Cornelius: Wo immer auch Krieg und Unterdrückung herrschte und Menschen fliehen musste, war der Kaplan zur Stelle und bemühte sich, die Behörden dazu zu bewegen, grosszügig Asyl zu erteilen. Er schrieb Briefe an alle Pfarrämter und Klöster, telefonierte den verantwortlichen Politikern oder besuchte sie. Wenn es dringend war, scheute er sich nicht, einen Bundesrat (Minister) um Mitternacht aus dem Bett zu schellen …Versteckte KurdenAm meisten Aufsehen erregte sein Kampf für die «Kurden von Flüeli-Ranft». Um diese vor der drohenden Ausschaffung zu retten, erhielten sie im Friedensdorf in der Heimat des Bruder Klaus Kirchenasyl. Als sie dort nicht mehr sicher waren, mussten sie ins Tessin weiterziehen, wo sie in Bigorio bei den Kapuzinern aufgenommen wurden. In der kürzlich erschienenen Biographe «Ein unbequemes Leben – Cornelius Koch, Flüchtlingskaplan» wird die Reise dorthin aus der Sicht eines kleinen Mädchens beschrieben:»Gunda, die Ehefrau des Clowns Dimitri, sagte: ‹Wir sind da. Ihr werdet im Haus neben dem Kloster wohnen.› Kloster? Ich verstand nichts, und da es dunkel war, sah ich nicht, wie unser Haus und die Umgebung aussahen. Zwei Männer in braunen Kutten hiessen uns willkommen. Gunda sagte: ‹Das sind Patres, Pater Mauro und Pater Roberto.› Ich wusste nicht, was Pater heisst, aber ich vermutete, dass ihnen das Kloster gehört. Ich war froh, dass es endlich etwas zu essen gab und dass ich ein Bett bekam.» (Bei Pater Mauro handelt es sich um unsern gegenwärtigen Generalobern, bei Pater Roberto um den bekannten Künstler und Leiter des Klosters Bigorio, Roberto Pasotti.)Die Geschichte nahm einen skurrilen Verlauf. Der Tessiner Justizminister erfuhr eines Tages, dass sein Polizeichef plante, die Kurden von Bigorio zu verhaften – ausgerechnet am Karfreitag. Aus nicht leicht nachvollziehbaren Gründen konnte oder wollte er die Aktion nicht selber stoppen. Da er aber fürchtete, die Verletzung des Kirchenasyls und dazu noch an einem hohen Feiertag könnte ihm bei der nächsten Wahl Stimmen kosten, fand er einen Ausweg. Er hatte einen guten Draht zum Tessiner Bischof und bat ihn, die Kapuziner zu warnen, sodass eine allfällige Razzia am Karfreitag ins Leere ginge. Die Kurden tauchten tatsächlich nochmals unter.Doch nahmen die Absurditäten um sie kein Ende. Cornelius Koch organisierte in Bern eine Medienkonferenz. Neben einigen Mitgliedern der Kurdengruppe waren auch der Präsident der Bischofskonferenz und jener des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes anwesend, dazu der christkatholische Bischof. Cornelius glaubte, die Präsenz von Würdenträgern böte den Asylsuchenden Schutz. Er täuschte sich: Unter Augen der Prominenten wurden die Kurden verhaftet und zum Teil brutal zusammengeschlagen.Brisantes Detail: Zur gleichen Stunde feierten die Schweizer Parlamentarier im nahe gelegenen Bundeshaus den 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft – mit einem Stück des Dramatikers Friedrich Dürrenmatt, einem Freund und Mitkämpfer des Kaplans. (Dürrenmatt vererbte Cornelius sogar sein privates Auto!)
Fortsetzung folgt morgen

6. April 2011 | 01:03
von Walter Ludin
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