Walter Ludin

Zölibat ...

… und VerfügbarkeitDer Zölibat – und nur dieser! – sie die Voraussetzung der «Verfügbarkeit» der Priester. Dazu eine persönliche Erfahrung:1984, als das diktatorische Regime von Pinochet noch «blühte» war ich mit Norbert, eine Studienkollegen und Fotografen auf Recherche in Santiago de Chile. Nach dem Mittagessen flüsterte uns in einem Slum eine Ordensschwester ins Ohr, morgen früh würde eine Gruppe von Obdachlosen ein Stück brachliegendes Land besuchen, um darauf ihre einfachen Häuser zu bauen. Es wäre für sie ein Schutz, wenn die «internationale Presse» anwesend wäre. Doch es sei nicht ungefährlich. Kürzlich sei der Kameramann des dt. Fernsehens bei einer solchen Gelegenheit zusammengeschlagen worden. Und wir erinnerten uns, wie die Schwester von Menschen erzählt hatte, die bei Demonstrationen totgeschossen wurden.Trotzdem sagte mein Kollege sofort die Teilnahme zu. Ich schloss mich ihm an; ehrlich gesagt, sicher auch aus Solidarität mit den Benachteiligten, aber auch an Freude an einer vielleicht exklusiven Story (die wir dann bekamen; unter Tränengas …).Am Morgen fragte mich Norbert, ob ich gut geschlafen habe. Ich sagte Ja. Er aber meinte: «Du hast es gut. Du hast zuhause nicht Frau und Kinder.» (Sein jüngstes Kind hatte ich übrigens kurz vor dem Abflug nach Lateinamerika getauft.)Im Klartext: Obwohl nicht zölibatär lebend, lebte Norbert die «Verfügbarkeit». Aber eben: Aus Rücksicht auf seine Familie fiel ihm die schwerer als mir.Im Übrigen: Ich kenne Zölibatäre, die aus ihrem Stand einen Freipass für bequemes bürgerliches Verhalten machen. Ein Pfarrer meinte vor Jahrzehnten: «Mein Vikar ist glücklich, wenn er eine gute Verdauung und im Keller guten Wein hat.»

9. Februar 2011 | 01:41
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!