Walter Ludin

Privater Jahresrückblick

Eine persönliche BilanzIch erlaube mir, hier eine «Konserve» zu öffnen und einen Text aus meinem leider vergriffenen NZN-Buch Rosen vom Kilimanjaro vorzulegen:
Bald liegen sie endgültig hinter uns:die 365 Tage dieses Jahres. Das waren:-8760 Stunden oder-525 600 Minuten oder-3l 536 000 Sekunden.Eigentlich eine enorme Zeit! Was aber haben wir damit angefangen? Ich möchte sie einladen, sich diese Frage in einem ruhigen Augenblick zu stellen. Wer einen Terminkalender führt, kann dorthin einen kritischen Blick tun, auf das Chaos von Verpflichtungen und Vorlieben. Im nächsten Jahr können wir davon profitieren, indem wir da und dort die Schwergewichte etwas verschieben. Allein schon ein erster Blick auf die unzähligen Termine kann heilsam sein: nämlich dann, wenn neben den Eintragungen kaum mehr Freiräume da sind. Der Kalender ist in diesem Fall ein Spiegelbild meines Lebens, in dem alles verplant ist; wo ich kaum Zeit habe zu atmen, weil ich pausenlos von einem Termin zum andern rase; wo ich vor lauter Funktionieren nicht mehr zum Leben komme. Ein solcher Terminkalender ist ein Alarm-Signal: eine Aufforderung, kürzer zu treten und uns möglichst bald zu entlasten.Wenn wir unsere Agenda näher anschauen, fallen uns vielleicht von selbst Möglichkeiten dazu ein. Dies habe ich erfahren, als ich feststellte, wie viele Abende des Jahres ich an Sitzungen eines Vereinsvorstandes verbracht hatte. Ich fragte mich: Stand der Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag? Was hat in all den Diskussionen herausgeschaut? Fast gar nichts, war die ernüchternde Antwort. Ich beschloss darum, aus dem Vorstand auszutreten.Bei einzelnen Verpflichtungen mag es rasch gelingen, eine Erfolgs- oder eben Misserfolgs-Bilanz zu ziehen. Wenn es ums Ganze geht, hört der Überblick bald auf. Denn, wie es ein Schriftsteller ausdrückte: «Die Früchte des Lebens reifen langsam und schwer.» Wir müssen darum nicht in eine Jahresschluss-Depression fallen, wenn wir das Gefühl haben, wir hätten der Menschheit in diesem Jahr nicht viel genützt. Und wenn Erhofftes ausblieb, kann uns das Wort von Dietrich Bonhoeffer helfen: «Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.»

31. Dezember 2010 | 01:31
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!