Konzilsblogteam

Ereignisse brauchen Zeit, bis sie bei den Menschen ankommen.

So ging es mir mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Ich vermute, erst gegen 1970 wurde mir voll bewusst, Zeitzeuge von etwas Einschneidendem und Epochemachendem gewesen zu sein. Physisch nahm ich das Konzil im Dezember 1964 wahr: Meine Frau und ich waren auf der Hochzeitsreise in Rom. Wir besichtigten natürlich auch den Petersdom. Und wir sahen die riesige Holzkonstruktion, die errichtet worden war, damit die Konzilsväter sich versammeln konnten. Inhaltlich erinnere ich mich gut an den Tod Papst Pius XII. am 9. Oktober 1958. Ich befand mich in Cambridge, um meine Englischkenntnisse zu vertiefen. Die englischen Zeitungen brachten überdimensionierte Schlagzeilen. Der Tod eines Papstes wurde als Sensation verkündet. Und dann, am 25. Oktober 1958, wurde Johannes XXIII. gewählt. Auch diesmal riesige Lettern und Fotos. Für mich als gut 19-jährigen Protestanten war die Bedeutung dieser Papstwahl völlig unklar. Allerdings, innerhalb weniger Monate wurde allgemein bewusst, dass in Rom mindestens ein Stilwechsel stattfand. Der Papst sprach in seinen Reden nicht mehr im Pluralis majestatis. Ganz schlicht sagte er einfach «ich». Wenn Bischöfe zur Privataudienz bei ihm erschienen, wollte er nicht, dass sie ihm die Füsse küssten. Und besonders spektakulär war der Gründonnerstag 1959: Johannes XXIII. führte die öffentliche Fusswaschung wieder ein. Er wusch zwölf Priesteramtskandidaten die Füsse und küsste sie – in Erinnerung an Johannes 13. War das einfach eine Show, oder war es ernst gemeint, lautete die Frage, die mir damals durch den Kopf ging. Gut erinnern kann ich mich an die Konzilsankündigung vom 25. Januar 1959. Ein «ökumenisches» Konzil sollte abgehalten werden! Was war das? Besonders die säkulare und die protestantische Presse mussten lernen, dass es verschiedene Bedeutungen des Wortes «ökumenisch» gibt. In der Weihnachtsgeschichte von Lukas 2 bedeutet «Ökumene» das römische Kaiserreich rund ums Mittelmeer. Nach römisch-katholischem Sprachgebrauch war ein «ökumenisches Konzil» zunächst eine Versammlung aller Bischöfe dieses Reiches und heute eine Vollversammlung der römisch-katholischen Bischöfe aller Kontinente. Nicht-römisch-katholische Personen gehören nicht dazu. Ein «ökumenisches Konzil» ist also etwas anderes als die «ökumenische Bewegung», deren Zentrale in Genf ist. Umso epochemachender war dann allerdings, dass der Vatikan nicht-römisch-katholische Experten als sogenannte «Beobachter» an die Versammlung einlud. (Frank Jehle)

22. Juli 2012 | 00:10
von Konzilsblogteam
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