Heinz Angehrn

Ragaz und die Landnahme

Gestern Abend der dritte Abend der diesjährigen Reihe «Theologie heute» zum Thema «Anstössige Texte in der Bibel». Wer sich durch den Schnee bis ins Pfarrhaus gekämpft hatte, begegnete der Geschichte der Eroberung Jerichos in Jos 6 (wo einfach alles Lebendige in Jericho niedergemetztelt wird, nachdem die Mauern gefallen sind, selbst die bedauernswerten Esel – der Landwirt in unserer Runde sagte sec: So dumm sind die sicher nicht gewesen, dass sie die Nutztiere umgebracht haben, die brauchten sie nämlich noch…).
Ich habe mir das Ziel gesetzt, möglichst unterschiedliche Denkweisen im Umgang mit den «schwierigen» Texten vorzustellen. Und da juckte es mir in den Hirnrindungen, auf diesen Brutalo-Text Leonard Ragaz anzusetzen (in: Die Bibel eine Deutung. Zweiter Band: Die Geschichte Israels). Ragaz pendelt in seiner Deutung der Landnahme zwischen klarster Intellektualität und plötzlich aufbrechender linker Propaganda, aber er schreibt wie ein spannender Prediger. Wir hingen mehr an seinen Lippen, als wir es zuvor bei Diego Arenhoevel und Gerhard von Rad taten.
Zentrales Zitat: «Es kann unter bestimmten Umständen und in bestimmten Zeiten etwas religiös und sittlich Wahrheit, Recht und Norm sein, was unter andern Umständen und in andern Zeiten zu Irrtum, Unrecht, ja Verbrechen wird.» (S.21, im Original III 25).
Nächster Abend in zwei Wochen zum nächsten «Horror»-Thema: Paulus und die Stellung der Frau in der Gemeinde.

18. Januar 2013 | 08:20
von Heinz Angehrn
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