Heinz Angehrn

Heiliges Lied

Keines unserer Kirchenlieder kann zu so viel Zwist und Unfrieden führen wie das bekanntete und kitschigste überhaupt, das wir alle eben wieder mit mehr oder weniger Inbrunst gesungen haben, das «Stille Nacht». Je mehr Emotionen im Spiel sind, desto gefährlicher wird es, das wissen wir ja. Das galt schon für das Singen von «Va pensiero» im Habsburgerreich, das gilt für das Singen der Deutschen Hymne, deren erste Strophe immer noch gebannt ist (wir wissen aber aus historischer Erfahrung, dass irgendwann auch sie wieder offiziell gesungen wird). Und das gilt nun eben auch für das «Stille Nacht».
Konfliktpunkt 1: Der herrlich antiquierte Text von Joseph Franz Moor. Das zu singen, ging einigen Theologen/innen denn doch über ihr ästhetisches und logisches Fassungsvermögen hinaus. Darum wurde Silja Walter beauftragt, eine neuen Text zu schreiben (zu finden unter KG 342). Weh aber, wo diese Fassung gesungen werden soll. Die Kirchgänger verweigern mit puterrotem Kopf den Gesang. Und wenn verbotenerweise dann doch die alte Fassung gesungen wird, verlassen die Seelsorger ebenso puterroten Kopfes stante pede die Kirche. Alles schon geschehen am Fest der Liebe.
Konfliktpunkt 2: Der Zeitpunkt des Singens des Liedes. Jede nur ansatzweise vorhandene Logik verweist darauf, dass dieses Lied nur in der Dunkelheit bzw. nächtens und abends gesungen werden kann. Aber nein: Weh den Seelsorgtenden, die so vernünftig denken. Verdorben durch das wochenlange musikalische Geriesel in den Tempeln der Moderne (den Einkaufszentren) verlangen die Leute danach, es immer zu singen: zehn Tage vor Weihnachten am Altersnachmittag, in der prallen Sonne des Weihnachtsmorgens, am liebsten auch noch an Neujahr, Epiphanie, Lichtmess und bitte schön auch am ersten August.
Fasse es, wer’s fassen kann.

27. Dezember 2011 | 10:50
von Heinz Angehrn
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