Heinz Angehrn

Fortsetzung 2

7. Die katholische Kirche steht seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts vor der Gretchenfrage, ob sie den entscheidenden Wendepunkt im Denken der Neuzeit, was den Anspruch jedes Individuums auf Eigenverantwortung und Eigenbestimmung betrifft, mitgehen, damit ihre geistige Feudalmacht endgültig ablegen oder sich in ein neues sektenhaftes Reduit abseits staatlicher und inzwischen auch international gewachsener juristischer Macht in Bezug auf Menschenrechte und -würde begeben will. Die «Altgläubigen» haben das natürlich immer richtig erkannt und vorausgesehen und lehnen darum die wesentlichen Fortschritte des Zweiten Vaticanums ab. Der alte Messritus ist nichts als eine Akzidenz, der Kampf um die Liturgie ein akzidenteller. In der Substanz geht es um das Menschenbild. Und alles, was die Sexualmoral betrifft (Empfängnisverhütung, Homosexualität, Zölibat), spiegelt genau diese Substanz wieder.
8. Papst Benedikt hat Angst vor der Moderne. Die «Kultur des Todes», von der immer wieder schaudernd schreibt und spricht, ist für ihn Folge einer Entwicklung, in der die Menschen selbständig entscheiden dürfen und nicht die alte, weise und allwissende Mutter Kirche für sich entscheiden lassen. Die Missachtung des Werts des menschlichen Lebens folgert für ihn in einem völligen Verkennen, woher er sich seine Verbündeten suchen sollte, ebenfalls aus den Folgen der Aufklärung. [PS: Unverständlich, dass ein im Ansatz so gescheiter Mensch nicht merkt, dass es primär ökonomisch-wirtschaftliche Fehlentwicklungen sind, die den Wert des menschliche Lebens bedrohen!]
9. Die wenigen jungen Männer, die sich unter diesen gesamtgesellschaftlichen und gesamtkirchlichen Bedingungen zum aus den oben schon geschilderten notwendigen (weil disziplinierend und der Autonomie teilberaubend) Gründen zum Pflichtzölibat entscheiden, sind natürlich in der grossen Mehrheit ebenfalls misstrauisch in der Grundeinstellung gegenüber der Moderne, wollen an die kurze Kette gelegt werden, und so zementiert sich das klerikale System von selber. Eine Trennung von Kirche und Staat, eine reine und arme Minderheitenkirche der Freiwilligen, ist der Traum, eine splendid isolation im Sinne evangelikaler Freikirchen und Sekten. Der Weg zu einer Form von «catholic Amish» ist möglich.

12. Juli 2010 | 09:13
von Heinz Angehrn
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