Heinz Angehrn

Fortsetzung

4. Dass die Kirche diesen gesellschaftlichen Status erreichen und während fast 1500 Jahren behalten konnte, ist grundgelegt in den Veränderungen des 4.Jahrhunderts. Ursprünglich eine prophetisch-apokalyptisch radikale Minderheit am Rand des römischen Reiches, wird sie zum neuen Garanten gesellschaftlicher (materieller wie emotionaler) Stabilität. Wer der Kirche und ihren Verantwortlichen deswegen schon Verrat an den Idealen des Religionsstifters und der Gründerzeit vorwirft, denkt ungeschichtlich. Wer aber über den Verlust an gesellschaftlicher Bedeutung seit Beginn der Neuzeit klagt, verkennt, dass die ethischen und religiösen Ideale des Religionstifters auch unter ganz anderen Bedingungen zeugnishaft gelebt werden können.
5. Der substantielle Gewinn, die die Neuzeit ab der Aufklärung und der Entstehung der modernen Geistes- und Naturwissenschaften dem Individuum bringt, ist die Anerkennung der Menschenwürde und des freien Gewissensentscheids des/der Einzelnen unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und Gruppe. War es der Kirche bis zum 17.Jahrhundert nicht vorzuwerfen, dass sie in ihrer damaligen Rolle (s.P.1) nicht zur Emanzipation aller Individuen beitrug, so versagte insbesondere die römisch-katholische Kirche in ihrer Verteidungshaltung der alten unaufgeklärten und die Menschen in Unmündigkeit behaltenden Zeit ab etwa 1850 in brutalster Art und Weise. Die grässliche Enyklika «Humanae vitae» war wohl ein letzter Versuch, die Macht über Körper und Seelen zu behalten, und genau sie entfremdete weiteste Kreise von der Kirche als moralisch ernstzunehmender Instanz.
6. Der junge Professor Josef Ratzinger, ein Mensch von Barock und Rokoko, war zutiefst enttäuscht und entsetzt, wie er in Tübingen erleben musste, dass die moralische Macht seiner Institution zerfiel und dass der Wert der Freiheit des Einzelnen in der 68er Revolution nun in verabsolutierter und auch asozialer Weise umgesetzt wurde. Spätestens da beschloss er, ein selber in seiner Sexualität geschädigter Mensch des Systems, seinen Blick zurück zu wenden und die Phase der Kirchengeschichte bis zur Neuzeit zu verherrlichen. Kein Wunder, dass ihn darum der geglaubte Christus der Kirche mehr interessiert als der historische Jesus, dass ihn das Johannes-Evangelium mehr begeistert als die Synoptiker und dass er unter Reich Gottes etwas ganz Anderes versteht, als dies der Wanderprediger Jesus aus Nazareth tat!

9. Juli 2010 | 08:04
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!