Sibylle Hardegger

Eine Versuchsetappe

Am Samstag bin ich zur ersten Versuchsetappe aufgebrochen. Das «Menü» war 140 km in zwei Tagen. Ich wollte diese Fahrt nicht als eine Velotour sehen, sondern wirklich als eine Etappe auf der Wallfahrt nach Trondheim. Deshalb war das Ziel zwar schon wichtig, aber das eigentliche Ziel war der Weg. Dem Wetterbericht folgend hat es den ganzen Tag in Strömen geregnet. Ich war zwar gut ausgerüstet, aber die Turnschuhe waren trotzdem nach kurzer Zeit völlig durchnässt und meine Zehen «schwammen» geradezu im Wasser. Ich musste an die Entbehrungen denken, die so mach Pilgernder (vor allem) in früheren Zeiten auf sich genommen hatte. Damals, als es noch keine richtigen Wanderschuhe gab und die Leute in Sandalen oder gar barfuss unterwegs waren. Nach wenigen Kilometern hatte ich dann bereits einen Platten! Einen Moment lang fragte ich mich, ob das Zeichen für eine Umkehr sein könnte. Aber als ich nur wenige Meter neben der Kreuzung – an der ich stand – einen Veloshop sah, entschloss ich mich nicht aufzugeben. 15 Minuten später war der Schlauch gewechselt und ich wieder startklar. Mein Weg führte mich immer nach Norden entlang einer Hauptstrasse, die immer mal wieder sanft bergab oder bergan ging. Das Wasser lief mir in Strömen am Körper herunter und ich wusste nicht, ob es Schweiss oder Regen war. Hin und wieder hielt ich am Strassenrand und suchte etwas Schutz in einem Bushäuschen. Bei dem ungarstigen Wetter hatte ich keine Lust längere Ruhepausen einzulegen. Ein paar Autos rasten an mir vorbei, einige spritzten mich zusätzlich nass, aber das war egal, darauf kam es auch nicht mehr an. Ich fand mein Tempo und hörte auf meinen Herzschlag und auf das klick, klick, klick, wenn ich im 16. Gang fuhr. Meine Gedanken waren bei meiner letzten grossen Wallfahrt. Da war ich zu Fuss unterwegs nach Santiago. Das Wetter damals – genau das Gegenteil: 36 Grad Wärme und uns ging das Wasser langsam aus. Irgendwie machte ich dieselbe Erfahrung wieder, obwohl ich am Samstag ja beinahe im Wasser «ertrank»: Zurückgeworfen sein auf sich selber. Vielleicht tönt es etwas seltsam, aber irgendwann begann ich einfach zu beten. Das Rezitieren von Rosenkranz und das meditative Wiederholen einzelner Taizegesänge trieb mich im immer gleichen Tempo voran. Unterbrochen einzig vom Klingelton meines Handys, das anzeigte, dass sich per SMS wieder jemand nach meinem Befinden erkundigte. So kam ich nach gut 4 1/2 Stunden am Ziel an. Für dieses erste Mal war ich sehr froh, dass ich nicht noch ein Zelt aufbauen und Feuer machen musste, sondern mich ganz einfach in einem Hotelzimmer erholen und aufwärmen könnte. 70 km im Regen, das ist ein Zehntel dessen, was wir nächstes Jahr zurücklegen wollen. Und wenn es dann nächstes Jahr die ganzen 700 km regnet? Oje, daran will ich gar nicht denken. Der Sonntag war besser. Nicht schön, aber wenigstens kein Regen mehr. Ich machte mich wieder auf den Weg. 70 km lagen vor mir. Bei dieser Fahrt hatte ich immerhin die Möglichkeit die Landschaft etwas zu betrachten und ich begegnete unterwegs auch einigen Menschen und wir wechselten ein fröhliches Hej, Hej über die Strasse. Strassenschilder zeigten mir wie weit ich noch von Uppsala entfernt war. 54 km! Dann 42 km! Bei 30 km kam dann die Krise. Ich dachte, das schaff ich nicht mehr. Aber ich mobilisierte dann nochmal alle meine Kräfte und erblickte bald das Schild 15 km! Schneller als ich dachte. Hatte ich vielleicht bereits aufgegeben an mich zu glauben? Nachdem sich die Sonne just in diesem Moment wieder einmal zeigte, machte ich eine Rast und nahm ein kleines Picknick ein. Gestärkt und erstaunt über meine mobilisierten Kräfte nahm ich den letzten Hügel und siehe da, es stellte sich der Santiago-Effekt ein. Plötzlich sah ich am Horizont die beiden Türme des Domes von Uppsala! Und ich fand mich in Gedanken wieder auf dem Jakobsweg – letzte Wegetappe, man kommt über einen Hügel gewandert und plötzlich erheben sich vor einem die Türme der Kathedrale. Das Ziel ist plötzlich ganz nahe und lässt alle Entbehrungen vergessen. Genau so ging es mir am Sonntagnachmittag nach ca 130 km. Schön und unglaublich befreiend. Wie wird es erst sein, auf den Domplatz von Trondheim zu fahren?

22. August 2011 | 14:01
von Sibylle Hardegger
Lesezeit : ca. 3  Min.
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