Heinz Angehrn

Oper, Religion und Moral

Kleinstbrötchen auch im kirchlich-religiösen Bereich: Was man(n) aus «Cavalleria» für uns Seelsorgende und unsre Arbeit lernen kann. In jeder «anständigen» «Cavalleria»-Inszenierung ist ein grosses Kirchenportal zu sehen, durch das die Statisten, Chorsänger/innen und auch einige Protagonisten/innen in den Ostergottesdienst gehen und schliesslich zur Schluss-Szene auch zurückkommen. Meist ist dieses Portal auch wesentlicher Teil der Osterprozession. Und: La Sicilia e veramente cattolica.
«Innegiam, il signor non è morto» – Glaube und Tradition prägen das Leben der Einwohner/innen des Dorfes, vor allem das der Frauen. Die katholisch-kirchliche Sexualmoral lastet schwer über ihnen, und sie führt auch zur Katastrophe in der Oper, zum Verrat, zum Duell, zum Mord. Die schwangere und unverheiratete Santuzza steht für ganz viele Opfer; in der Literatur geht ihr als wohl berühmteste Leidensgenossin Gretchen voran. Den Männern wird vorehelich fast alles zugestanden, sie bleiben «in Ehren», die Frauen aber bezahlen den bitteren Preis.
Wollen wir doch dankbar sein: dem Herrn Kinsey, dem Herrn Kolle, auch dem so bösen Zeitgeist, dass sich solche Geschichten nicht mehr wiederholen.

23. Juni 2009 | 13:04
von Heinz Angehrn
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