Gaza aus der Sicht der Opfer
Es ist brutal, aber wahr: Wir haben uns an die schrecklichen Statistiken aus dem Gazakrieg gewohnt. 30’000 Tote, später 50’000, dann 60’000. Doch: Welches Elend steckt hinter diesen nackten Zahlen? Wie sieht der alltägliche Schrecken der Menschen aus? Zwei junge palästinensische Journalistinnen erzählen hier aus ihrem Alltag (Quelle: Palästina-Info Sommer 25).
Das Wort hat Nour al-Assi, 22-jährig:
Meine Familienmitglieder und Freund:innen, die getötet wurden. Meine Ausbildung. Meine Verbindung zu diesem Land. Ich hatte keine Zeit zum Atmen.
Jetzt, da ich wieder fliehe, weiss ich nicht einmal, wohin ich gehe. Keiner weiss es. Wir verlieren nicht nur unsere Häuser, sondern auch unsere Orientierung, unsere Vergangenheit und Zukunft.
Es dauert nun schon anderthalb Jahre. Und es wird von Tag zu Tag schlimmer und ernster. Und trotz alledem wird von uns erwartet, dass wir in Bewegung bleiben, weiterlaufen und immer wieder neue Verstecke finden. Ich weiss nicht, wie viele Ecken noch übrig sind.
Wir verbringen unsere Zeit damit, zu beten, dass wir den nächsten Tag überleben und dass wir, falls wir getroffen werden, sofort sterben. Wir wissen, wie sehr die Verletzten leiden. Ansonsten suchen wir nach Lebensmitteln, die wir uns leisten können. Nachts schlafen wir betend und zitternd.
«Ist es das Ziel, dass wir verschwinden? Zum Schweigen gebracht werden? Dass wir langsam sterben?» Rita Baroud, 22-jährig:
Das Schweigen überwiegt jetzt das Reden. Die Tränen sind häufiger als die Wut. Die Zahl der Märtyrer:innen nimmt in erschreckendem Tempo zu. Die Bombardierungen erfolgen wahllos – ohne Vorwarnung, ohne Grund. Es gibt keine sicheren Zonen, keine Momente der Ruhe.
Die Angst sitzt tiefer, schwerer, hartnäckiger. Sie lässt uns nicht los. Es ist nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern auch die Angst davor, wie wir weiterleben sollen.
Wie soll ich über diese Hölle schreiben? Wie soll ich das Unbeschreibliche beschreiben? Aber dann denke ich wieder: Wenn ich nicht schreibe, wer dann? Wer, wird sagen, dass wir hungrig sind? Dass wir durstig sind? Dass wir bombardiert, belagert und im Stich gelassen werden?
Ist es normal, all diesen Schmerz zu ertragen, als ob wir nicht einmal Menschen wären? Wer hat entschieden, dass Gaza ausserhalb der Logik, ausserhalb der Barmherzigkeit, ausserhalb der Zeit existieren muss? Dass wir schweigen? Dass wir sterben, ohne dass unser Tod irgendjemanden beunruhigt? Wer versteht diesen Schmerz? Wer kann uns erklären, warum?
PS/Wlu: Wenn ihr diesen Text lest, gibt es vielleicht einen Waffenstillstand in Gaza. Wie lange er wohl halten würde? Wie auch immer: Es bleibt den Menschen die Angst vor der Zukunft. Und die Trauer über ihre unermesslichen Verluste!
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