Wo ist der Auferstandene zu sehen?
Ich habe einen Fehler begangen. Denn ich habe diese Predigt am Karsamstag vorbereitet. Was soll daran falsch sein, werden sie fragen und dies zurecht. Die Antwort: Der Karsamstag ist der Tag des Gedenkens an Jesu Grabesruhe; also ein Tag der Trauer. Ein Mail, das ich letzte Woche bekommen habe, fordert dazu auf, «die Kartage durchzuleben». Denn: «Leid soll nicht verdrängt werden.» So wichtig Ostern ist, wir sollen die Auferstehung Jesu nicht zu früh, nicht schon am Karsamstag in den Vordergrund stellen. Es gilt, die Trauer auszuhalten.
Jetzt aber, an Ostern ist es Zeit, uns Jesus als dem Auferstandenen zuzuwenden. Im Gegensatz zu dem, was ich gesagt habe, fällt auch dies nicht allen leicht. Ich denke da an viele Gläubige in Lateinamerika, die nicht freudig Ostern feiern können, weil ihr Elend zu gross ist. In der traditionellen Volksfrömmigkeit kommt die Osterfreude viel zu kurz.
Und wie ist es bei uns: Wie wir Mühe haben, den Karsamstag voll und ganz als Zeit des Trauerns voll und ganz ernst zu nehmen, fällt es uns auch nicht immer leicht, uns voll und ganz der Auferstehung zuzuwenden.
Eine Beobachtung führt mich zu dieser Annahme; eine Beobachtung, die sie selber auch machen können. Konkret: Gewöhnen Sie sich daran, in den Kirchen, die sie betreten, zu schauen, wie viele Kreuze Sie sehen, und wie viele, oder eben wie wenige Bilder des Auferstandenen. Ich habe schon mehrmals fast 20 Kreuze gezählt, wenn man auch jene zählt, die neben den 14 Stationen des Kreuzweges stehen. Und die Bilder der Auferstehung: Fehlanzeige! Man findet sie recht selten in einer Kirche. Da stimmt doch etwas nicht. Sie können sich selber fragen: Wo bleibt da die österliche Freude, die Hoffnung von Ostern?
Lassen Sie mich diese österliche Botschaft zusammenfassen. Ich tue es mit den drei Begriffen, die ich in einem Ostermail fand, das mein Freund Vladimir mir geschickt hat. Er ist Direktor eines grossen kirchlichen Hilfswerks in Moldawien, dem ärmsten Land Europas. Die drei österlichen Worte heissen:
– Liebe
– Hoffnung
– Vergebung.
Ganz kurz, was könnten diese drei Worte bedeuten?
Liebe: Nehmen wir Jesu grenzenlose Liebe ernst und schenken wir sie weiter, auch jenen, die uns vielleicht nicht sehr sympathisch sind.
Hoffnung: Jesu Auferstehung schenkt uns die Hoffnung, dass das scheinbar Unmögliche möglich wird; zum Beispiel, dass es Frieden geben kann, auch in der Ukraine und in Israel/Palästina.
Vergebung: Der verzeihende Gott schenkt uns allen immer wieder einen Neuanfang. Darum müssen wir nicht verzweifeln, auch wenn wir uns verfehlt haben.
Mit diesen drei Worten wünsche ich uns allen eine österliche Zeit, in der wir als Menschen leben dürfen, die mit Jesus auferstanden sind zu einem neuen Leben.
Muotathal, Frauenkloster, Ostermontag 25, 10 Uhr
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