Franziskus: ein Papst erinnert sich
Papst Franziskus: Hoffe. Die Autobiographie | Kösel 2025 | ISBN 978-3-466-37353-6 | 384 S. | ca. CHF 35.–
Es ist bemerkenswert und höchst beeindruckend: Nachdem Papst Franziskus ganz am Anfang seiner Autobiographie erzählt hat, wie seine Grosseltern auf der Fahrt von Italien nach Argentinien beinahe ertranken, widmet er zehn ganze Seiten den heutigen Migranten; vor allem auch den Tausenden, die im Mittelmeer den Tod finden.
Im umfangreichen Buch erinnert sich der Papst nicht bloss an die wichtigen Stationen seines Lebens; wobei er sehr liebevoll von seiner Familie und unzähligen Freunden erzählt. Viel Platz nehmen auch seine Überlegungen zu den vielfachen Krisen der Gegenwart ein. Temperamentvoll und mutig findet er Worte zu Problemen wie Migration, weltweite Armut, Kriege und Zerstörung der Mitwelt. Hier beweist der Autor, dass er sein Postulat verwirklicht, der Hirte müsse den Geruch seiner Herde annehmen …
PS: Auch zu Beginn der Besprechung im Publik-Forum wird ausführlich auf die ersten Seiten der Autobiographie mit den Bemerkungen zu Migration hingewiesen. Der Rezensent, Michael Schrom, Ressortleiter Religion & Kirchen, schliesst mit der kritischen Würdigung des Buches: «In dieser nahbaren, durchaus humorigen Selbstbetrachtung bleiben autoritäre Härten, politische Einseitigkeiten und rätselhafte Entscheidungen meistens aussen vor.»

Israel/Palästina: Wege zum Frieden
Es gibt unzählige Dokumente von friedensbewegten Gruppen auf israelischer und palästinensischer Seite, die Wege zum Frieden weisen. Eines ist mir wieder unter die Augen gekommen: «Die 80 Thesen für ein neues Friedenslager». Es stammt von der israelischen Friedensorganisation Gush Shalom und ist zwar schon fast ein Vierteljahrhundert alt, aber (leider!) immer noch sehr aktuell – und wegweisend. Hier eine kurze Zusammenfassung.
Die «Wurzeln des historischen Konflikts zwischen den beiden Völkern» müsse beachtet werden, um auf friedliche Wege zu gelangen (Nr. 3). Und: Beide Seiten müssten in der Lage sein, «die nationale geistige Welt der anderen Seite zu verstehen. (7) Wie ich im letzten Blog gezeigt habe, ist dies gerade im augenblicklichen Konflikt keineswegs der Fall.
Die Folgerung: Wichtigste Aufgabe des neuen Friedenslagers ist, «die falschen Mythen und die einseitige Sicht des Konflikts aufzugeben». (10)
Zur zionistischen Bewegung heisst es im Dokument: Die Losung lautete: ›Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. ’ Diese Losung wurde nicht nur in Unkenntnis geprägt, sondern auch auf Grund der allgemeinen Arroganz gegenüber nicht-europäischen Völkern, die zu jener Zeit in Europa vorherrschte. (14)
Palästina war nicht leer – weder am Ende des 19. Jahrhunderts noch zu irgendeiner anderen Zeit. Es lebte eine halbe Million Menschen in Palästina, 90 Prozent davon waren Araber. Diese Bevölkerung war natürlich gegen das Eindringen eines andern Volkes in ihr Land.» (15)
Eine weitere historische Erinnerung: Bekanntlich durften Juden in Europa praktisch nur als Händler und Intellektuelle wirken. Nun aber waren sie stolz, im Erez Israel ihren Lebensunterhalt im Schweisse ihres Angesichts zu sichern. Und: «Sie glaubten, dass sie all das mit friedlichen Mitteln erreicht hätten und ohne einen einzigen Araber zu enteignen. Für die Araber jedoch war es eine grausame Geschichte von Enteignung und Vertreibung.» (24). So mussten «die Araber verzweifelt zusehen, wie ihnen ihr Land weggenommen wurde.» (25)
Fortsetzung folgt
PS. Als ich vor Jahren in Jerusalem (arabisch: Al Quds/Die Heilige) war, kam ich in der Nähe der Klagemauer in ein Gespräch mit einem alten Juden. Er meinte, die Araber sollten doch ihr Land verlassen und in ein arabisches Land gehen. Es gäbe doch davon 19. Wie würde ein schollenverbundener Urner Bergbauer reagieren, wenn ihm sein Land weggenommen würde mit der Begründung, er könne doch in ein anderes deutschsprachiges Land gehen. In Ostfriesland oder z.B. in Kärnten gäbe es doch genügend Möglichkeiten, als Bauer zu leben?
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stadler karl sagt:
Statt selbstsicher vorzugeben, die historischen Wurzeln des Nah-Ost-Konfliktes zu kennen und genau zu wissen, wer denn am Anfang dieses Konfliktes die dafür initiierenden Ursachen gesetzt hat, wäre vielleicht für einmal auch angezeigt, sich seriös mit den historischen Gegebenheiten dieses Konfliktes auseinanderzusetzen! Als ob die einwandernden Juden damals vor der Staatsgründung den Arabern das Land einfach gestohlen hätten. Genau das Narrativ, das, neben vielen andern, die Todfeinde Israels, die Mullahs in Teheran, gebetsmühleartig immer verbreiten!
Aber in diesem Blog war, was das Verhältnis von Israel zu den Palästinensern betrifft, noch nie eine ausgewogene Meinungsäusserung, die zweifelsohne auch kritisch gegenüber der Politik Israels sein darf, zu vernehmen. Vielmehr werden implizit und subtil immer wieder Fragen in Bezug auf die Legitimation Israels als jüdisch geprägter Staat aufgeworfen und Täter- und Opferrollen verwischt.
Angesichts der Tatsache des erneut massiv und offen sich ausbreitenden Antisemitismus in Europa und den USA, nicht zuletzt auch linker Provenienz und aufgrund starker Immigration aus arabischen Staaten, eigentlich eine traurige Sache! Als wären die jüdischen Menschen nicht bereits genug drangsaliert durch den klassischen Antisemitismus rechtsextremer Herkunft.
ludin sagt:
Na hallo, hier schreibt nicht einer, der naiv auf der seite der palästinenser steht. sondern eine gruppe ISRAELISCHEN JUDEN. ob man von der innerschweiz aus eine objektivere sicht hat’?????
Stadler Karl sagt:
Nur schon Ihre herablassende Infragestellung, ob ein kognitiver Blick “aus der Innerschweiz” genügend weit sein kann, spricht Bände! Dass es auch Israelis gibt, die eine völlig abweichende Sichtweise präsentieren, ist weiss Gott kein neues Phänomen. Es gibt aber auch Palästinenser, die für ein viel differenzierteres historisches Bild einstehen, als es in Ihrem Blog jeweils zum Ausdruck kommt. Und es gibt vor allem eine sehr reichhaltige historische Fachliteratur, keineswegs eine Israel verherrlichende, die jedoch sich wohltuend abhebt von
Ihrer stetig einseitig und verzerrenden Stimmungsmache gegen den Staat Israel.
Pia Tschupp sagt:
Mir fällt auf, dass in diesem Blog immer wieder das Thema des Antisemitismus (Voreingenommenheit, Feindschaft oder Hass gegen Juden) zur Sprache kommt. Erlauben Sie mir ein paar Gedanken dazu. Wie ein Mäntelchen des Schutzes ist er über die Jüdinnen und Juden gelegt worden. Ob die Betroffenen dies wünschen? Stets an ihre Herkunft und die Geschichte ihrer Vorfahren erinnert zu werden? Oder möchten sie einfach in Ruhe gelassen werden, ihre Traumata verarbeiten und ein erfüllendes Leben führen können.
Gibt es einen vergleichbaren Schutz für andere Glaubensrichtungen, Völker oder Kulturen? Mir fällt dazu nichts ein.
Als kürzlich der US-Palästinenser Ali A. am Flughafen Zürich gründlich durchsucht und befragt worden ist, die Einreisebewilligung erhalten hat und anderntags zu seinem Vortrag über die Situation in Nahost unterwegs auf offener Strasse wegen Judenhass verhaftet und nach zwei Nächten ausgeschafft worden ist, da habe ich mich gefragt, um welche Juden es in diesem Fall gehen könnte.
Hasst Ali A. die Juden, welche hier in der Schweiz unter uns leben? Die Juden, welche immer wieder zu Tausenden auf die Strassen in Tel Aviv gehen? Sind es die Juden, die das Land für immer verlassen haben? Die jüdischen Menschen, die unermüdlich humanitäre Einsätze im Westjordanland leisten? Die Soldaten der IDF, die im Krieg nach Vorschrift dienen und später in geschütztem Rahmen von “Breaking the Silence” über ihre Erlebnisse, welche sie nicht ablegen können mit der Uniform, berichten? Vielleicht die Soldaten, welche palästinensische Schulen umstellen, weil die Studierenden Bomben mittragen könnten in ihren Schultaschen, Steine werfen gegen Autos oder Kontakte zu Terroristen haben?
Oder richtet sich der Hass einzig und allein gegen die Köpfe der israelischen Regierung? Gegen ihr Ziel, im Gazastreifen “ein Land ohne Volk” oder Trumps Riviera mit Nobel-Residenzen zu planen?
Die Menschen, die diesen Krieg (bisher) überlebt haben, werden Übermenschliches leisten für ihre Heimat, Mr. President!!!