© Walterr Ludin
Walter Ludin

(Welt)Kriege wurden verhindert

«Alle 20 Jahre gibt es einen Weltkrieg.» So sagte mir meine Mutter einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Ob sie, eine einfache Bäuerin, selber auf die Idee kam oder sie irgendwo gelesen hatte, bleibe dahingestellt. Immerhin, mit Blick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Einschätzung richtig. Etwas mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) zettelte Hitler 1939 den Zweiten an.
Doch für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts blieb die genannte Befürchtung aus. Das grosse Aber: In dieser Zeit standen wir mehrmals am Rande eines Weltkrieges – meistens, ohne dass sich die meisten sich dessen bewusst waren.
Sehr bedrohlich war die Lage im Oktober 1962, als Chruschtschow in Kuba, der Nachbarschaft der USA, sowjetische Mittelstreckenraketen stationierte. https://simpleclub.com/lessons/geschichte-kubakrise-1962 Nur dank intensiver Geheimdiplomatie und auch durch die Vermittlung durch Papst Johannes XXIII. kam es nicht zum schlimmsten.
20 (!) Jahre später erkannte der russische Oberstleutenant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, dass fehlerhafte Software einen Sonnenaufgang und Spiegelungen in den Wolken als Raketenstart in den USA interpretierten. Er konnte den Atomalarm und damit den Einsatz von Atomwaffen stoppen. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow
Und nochmals nach 20 Jahren, 2003, marschierte eine Armee unter der Leitung der USA mit einem lügenhaften Vorwand von Präsident Bush in den Irak ein. https://www.tagesschau.de/ausland/asien/20-jahre-irak-krieg-101.html Wir wollen jetzt nicht darüber spekulieren, wie gross das Risiko war, dass Mächte wie Russland und China in den Konflikt eingegriffen und einen Weltkrieg ausgelöst hätten.
Fazit: Alle 20 Jahre ein Weltkrieg? Eine Idee, die gar nicht so absurd und grauenerweckend ist wie auf den ersten Blick. Die Katastrophe wurde nur durch Diplomatie, vernünftiges Eingriffen Einzelner – und vielleicht durch Wunder – abgewandt.
Und wie steht es betr. Gefährlichkeit des Ukrainekrieges? Immer wieder behaupten Fachleute, er werde sich nicht zu einem Weltkrieg ausweiten; und Putin werde keine Atomwaffen einsetzen. Ist es so sicher? Immerhin spricht Patriarch Kirill seit 2007 von einer «nuklearen Orthodoxie». Es bestehe eine umfassende «russische Verteidigung gegen Dämonen» aus einer Kombination von Orthodoxie und Atomwaffen. (Luzerner Zeitung, 3. 12. 24) Eine nicht gerade hoffnungsvolle Perspektive!
PS: «Ich weiss nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird. Aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.» (Albert Einstein)
Kriegsbegeisterung?
«Früher war alles schlechter.» An diesen Titel einer Artikelreihe im «Spiegel» musste ich denken, als ich der Frage nachging: Wir hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte die Einstellung der Menschen zum Krieg geändert?
Ich kam auf diese Frage, als ich in einer Biographie des preussischen Königs «Friedrich des Grossen» den Satz las: «Es gibt nicht Höheres, was einem Fürsten Ruhm und Ehre verleihen kann, als das Schwert.»
Und ich erinnerte mich an die Kriegsbegeisterung, die in Deutschland (und sicher auch in andern Ländern!) vor dem Ersten Weltkrieg herrschte. Nicht wenige bedeutende Dichter und Schriftsteller wie etwa Thomas Mann sprachen vom Krieg als einer «Reinigung» und als einem Ausstieg aus der «satten Friedenswelt». Einflussreiche Theologen gaben dem Krieg eine religiöse Weihe.
Später, noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, rechtfertigte ein Jesuit, der heroischen Widerstand gegen die Diktatur der Nazi leistete, den Krieg der Deutschen gegen das «gottlose Russland …»
Nach dem Schrecken der Weltkriege kam langsam eine Neueinschätzung des Krieges. Den Durchbruch lieferte vor fast 80 Jahren die Charta der UNO. Hier wurde der Krieg als «völkerrechtswidrig» abgelehnt. Immer populärer wurde der Ruf «Nie wieder Krieg!»
Ein Ausdruck dafür waren in den 1980er-Jahren die Friedensdemonstrationen gegen die «Nachrüstung». Ich erlebte eine davon in Rom mit einer Million teilnehmenden. Mit leichtem Stolz las ich die Schlagzeile in der Berichterstattung der kommunistischen Unità: «An der Spitze Ordensleute und Gewerkschafter».
Diese skizzenhafte Darstellung beweist einen tiefgreifenden Sinneswandel gegenüber Krieg und Frieden. Bestimmt ein erfreuliches «Zeichen der Zeit»!
Um an den Anfang zurückzukommen: Der «Grosse Fritz» und seine Untertanen haben es als selbstverständliche Grosstat empfunden, dass Preussen zur «Abrundung» seines Herrschaftsbereiches sich Schlesien einverleibt hat. Auch die zahlreichen Eroberungen Napoleons wurden von der Geschichtsschreibung weitgehend als Heldentaten gefeiert.
Es darf als Fortschritt gefeiert werden, dass heute Putin mit einer ähnlichen Kriegslogik weitgehend auf Widerstand der öffentlichen Meinung stösst.

© Walterr Ludin
23. Dezember 2024 | 15:44
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!

3 Gedanken zu „(Welt)Kriege wurden verhindert

  • stadler karl sagt:

    Das wäre mir jetzt eher neu, dass Napoleon Bonaparte allgemein in der Geschichtswissenschaft, bereits zu Zeiten, als wir noch jung waren, also vor sechzig Jahren, als “Held” gefeiert worden wäre? Als durchaus herausragender Militärstratege und Feldherr, was er auch war, aber als Held? Napoleon galt doch schon damals als ein teilweise von der fanzösischen Aufklärung beseelter, jedoch äusserst machtbesessener Herrscher, der Europa mit missionarischem Eifer mit grausamsten Kriegen überzog. Und sein Machthunger hätte sicher wieder um sich gegriffen, hätten ihm nach seiner Rückkehr von der Elba die britischen und preussischen Truppen bei Waterloo nicht eine endgültige militärische Niederlage bereitet. Hier in der Innerschweiz galt Napoleon jedenfalls bereits zu seinen erfolgreichen Zeiten anfangs des 19. Jahrhunderts gewiss nicht als Held. Und für einen seiner militärischen Widersacher, den russischen General Soworow, empfand man damals nicht die geringste Begeisterung, hinterliess er doch mit seiner Russen-Armee nichts als bitterste Armut. Nicht anders habe ich ihn aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung.
    Was jedoch nicht vermischt werden sollte, ist, dass Befürworter einer militärischen wehrhaften Verteidigung zu “Kriegsbegeisterten” gestempelt werden. Die Welt ist doch trotz UNO-Charta um nichts friedlicher geworden. Ein Putin jedenfalls lässt sich gewiss nicht durch eine öffentliche Meinung beeinflussen, im Gegenteil, er versucht mit allen ihm zur Verfügng stehenen, insbesondere digitalen Mitteln, diese zu seinen Gunsten zu beeinflussen, selbst hier bei uns im Westen. Und mit einer öffentlichen Meinung allein wird man situativ eine Kriegsgefahr, die von solchen Potentaten ausgeht, gewiss nicht bannen. Das ist so sicher als das Amen in der Kirche!
    Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass im “friedensbegeisterten” Nachkriegs-Europa nicht selten eine antiamerikanische Stimmung gepflegt wird, über weite Strecken getragen von einer unheiligen Allianz zwischen Linken und Rechten, wie übrigens auch derzeit. Dabei zeigt man nicht die geringsten Hemmungen, unter dem militärischen Schutzschirm der USA seit 1945 einer angenehmen Wohlfühl-Kultur zu frönen. Und wenn Trump in seinem “America-first-Credo” öffentlich darüber sinniert, sich aus Europa zurückzuziehen, wenn die Europäer sich für zu vornehm halten, für die eigene militärische Sicherheit mehr zu tun, machen plötzlich alle in die Hosen.

  • Napoleon kein Held? dazu wikipedia
    Napoleonverehrung
    Napoleonstein auf dem Melaten-Friedhof in Köln: „Zum Andenken an die unter den Armeen Napoleons fern von ihrer Heimat gefallenen Krieger der Stadt Coeln. Errichtet von ihren Cameraden am 6. Juli 1853“

    Die Französische Revolution und Napoleon wurden um 1800 im Bürgertum der deutschen Länder positiv konnotiert und lösten nach der französischen Besatzung eine Napoleon-Begeisterung aus, der nach Hagen Schulze etwas „Rauschhaftes, Phantastisches anhaftete“.[75] Die Napoleonverehrung wirkte noch weit bis in das 19. Jahrhundert fort, besonders in den französisch besetzten westdeutschen Regionen. Hagen Schulze schreibt über diese Napoleonverehrung:

    „Als eigentlicher Träger der Napoleonverehrung treten die Vereine der Veteranen hervor, verbunden durch die gemeinsamen militärischen Erlebnisse, Siege und Niederlagen im französischen Heer und durch die völlig unbefragt fortdauernde Treue zu dem Kaiser, in dessen Zeichen sie gekämpft hatten. Der älteste dieser Vereine war der von Mainz, 1833 begründet, um ein Denkmal zu errichten, die Erinnerung zu pflegen, bedürftige ehemalige Soldaten zu unterstützen und die Verstorbenen ehrenvoll zu bestatten. Das Beispiel von Mainz wirkte beträchtlich – Klein [Walther Klein: Napoleonkult in der Pfalz, 1932] weiß von 35 Vereinen und 25 Denkmälern, die bis 1852 links des Rheins entstanden, von Köln bis Landau […].“[76]

  • stadler karl sagt:

    Die Napoleon-Verehrung durch Veteranen-Vereinigugen möchte ich auch keineswegs bestreiten. Das ist psychologisch ja auch nachvollziehbar, bildeten sich derartige Veteranenzusammenschlüsse überhaupt nicht nur im Nachgang der napoleonischen Kriege. Und dass er in Frankreich, damals auch links des Rheins, bis heute einen hohen Stellenwert besass und besitzt, trifft sicher zu. Aber in den eigentlich betroffenen Kriegsgebieten wurde Napoleon bereits im frühen 19. Jahrhundert keineswegs von der breiten Bevölkerung als Held gesehen. Jedenfalls flaute die Begeisterung für die Französische Revolution und die fanzösische Besatzung in den betroffenen Kriegsgebieten nach den Kriegswirren sehr bald stark ab. Das war auch ein Grund, warum die Restauration relativ leicht wieder Oberhand gewinnen konnte. Gewiss: Napoleon steht teilweise für eine Neuordnung in Europa, für die Einführung von Verfassungen, Verleihung von Bürgerrechten, Einführung von modernen Rechtsordnungen anstelle aristokratischer Ständeordnungen etc. Ein Beispiel dafür bildet ja auch die Helvetische Republik. Aber letztlich wurde dies alles teilweise mittels kriegerischer Gewaltanwendung durchzusetzen versucht. Gemessen an der damaligen Bevölkerungsgrösse in Europa wurde ein ungeheurer Blutzoll abverlangt. Schätzungen reichen von 1,5 bis 2 Millionen Toten. Napoleon steht keineswegs nur für Fortschritt, sondern gleichzeitig ebenso für einen äusserst machthungrigen, blutrünstigen politischen Messianismus, wie er sich leider auch in späteren Zeiten im Zusammenhang mit andern Bewegungen in Europa im Namen von Fortschritt, Freiheit und Gerechtigkeit ereignen sollte. Als wirklicher Held wurde Napoleon bereits im frühen 19. Jahrhundert in weiten Teilen der Bevölkerung nicht gesehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.